Wie der Wandertag zum Abenteuer wurde… ein Lehrer berichtet

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christkind, sondern auch der Wandertag – und das sogar zweimal im Jahr! Für die Schülerinnen und Schüler ist es ein Highlight. Man muss hier unterscheiden: je jünger die Schüler*innen, desto größer die Begeisterung für den Wandertag; je älter, desto eher die Freude, dass zumindest kein regulärer Unterricht stattfindet. Für die Lehrerinnen und Lehrer ist es ein Tag, dem sie mit gemischten Gefühlen entgegenblicken. Zum einen ist es schön, die Schüler*innen außerhalb des Klassenzimmers erleben zu können. Zum anderen geht einem Wandertag eine nicht zu unterschätzende Planung voraus. Jederzeit kann ein Wandertag für alle Beteiligten zum ungeahnten Abenteuer werden – wie in meinem Fall…

Planung ist alles

Zunächst beschäftigte ich mich mit der Auswahl eines geeigneten Ziels. Da der Wandertag für die Schüler*innen gedacht ist, ließ ich sie selbstverständlich an der Auswahl teilhaben. Wie in den meisten Fällen waren die Beiträge allerdings nicht besonders zielführend. Zu den Standards gehören hier – abhängig von der Altersstufe – „in die Stadt zum Shoppen“ oder „einfach irgendwo chillen“.

Freizeitpark – pädagogisch wertvoll?

In diesem Fall wollte meine 7. Klasse in einen nahe gelegenen Freizeitpark fahren. Das hätte man ihnen im Vorjahr versprochen gehabt und daraus wäre dann nichts geworden. Ich kannte aus dem Tratsch im Lehrerzimmer die Hintergründe dieses gebrochenen Versprechens. Ich wusste, dass das geplante Ausflugsziel „Freizeitpark“ eine Beschwerde von Eltern nach sich gezogen hatte. Von mangelndem pädagogischen Wert war da die Rede gewesen. Es gehe um Prozesse der Gruppenbildung und die Stärkung der Gemeinschaft. Der Sinn sei es, ein zuvor gestecktes Ziel durch gemeinsame Anstrengung zusammen zu erreichen.

Sicherheit geht vor

Als Lehrkraft müsse man ebenso die Sicherheit der Schüler*innen gewährleisten. Das wäre in einem Freizeitpark schwierig, ließ die Beschwerdeführerin verlauten. Dem Sicherheitsaspekt wollte ich dementsprechend Rechnung tragen. Wohin könnte ich unter all diesen Auflagen am Wandertag mit einer pubertären Schulklasse sinnvollerweise gehen? Mit dem Fahrrad am Flussufer entlang zum Badesee und dort am offenen Feuer grillen? Das wäre das Worst-Case-Szenario. Vor meinem geistigen Auge entstanden direkt Bilder von verunfallten und ertrunkenen Kindern mit schweren Verbrennungen. Derart riskante Ideen verwarf ich sofort. Von der Klasse kamen ebenfalls keine verwertbaren Vorschläge – „zum Shoppen“ zählt nicht. Deswegen beschlossen meine Kollegin (nennen wir sie Frau Adabei) und ich, tatsächlich zu „wandern“. Unser Weg sollte uns zu einem Minigolfplatz führen. „Das ist doch lustig! Wir können unterwegs noch bei der Eisdiele vorbeigehen,“ argumentierte ich. Zwar stieß mein Vorschlag auf wenig Gegenliebe, wurde aber zähneknirschend akzeptiert.

Der Weg ist das Ziel

Nach genauer Planung der Wanderroute, inklusive Pause im Stadtpark sowie in der Eisdiele, stand dem Ausflug nichts mehr im Weg. Der Wettergott war uns gewogen. Meine Kollegin Frau Adabei hatte sich noch eifrig pädagogisch wertvolle Spiele ausgedacht. Man müsse bekanntlich die Gruppendynamik und den Zusammenhalt in der Klasse stärken. Alle Schüler*innen waren anwesend und entsprechend ausgerüstet. Diesmal war ausnahmsweise keiner zum Wandertag in Flip-Flops erschienen.

Wer zuletzt lacht…

Guter Dinge marschierten wir los. Erstaunlicherweise verlief der Weg zum Stadtpark mit 27 Jugendlichen problemlos und unfallfrei. Im Park angekommen animierte Frau Adabei die lustlose Bande zu einem Spiel, bei dem zwei Teams gegeneinander antreten sollten. Scherzhaft merkte ich an, dass ich für alle Fälle vorschriftsgemäß das Erste-Hilfe-Set eingepackt hätte. Darauf bedachte die Kollegin mich mit Gelächter. Schmerzhaft sollte sie später noch eines Besseren belehrt werden.

Große Pause

Nach dem anstrengenden Marsch und den wertvollen Erfahrungen aus dem Park gönnten wir uns eine Erfrischung in der Eisdiele. Das mag erholsam klingen, ist es aber nicht. Gerade mit Eis versorgt überlegten Kollegin Adabei und ich uns nach einem Blick auf die Uhr schon eine Abkürzung zum Minigolfplatz. Unser streng getakteter Zeitplan war durch einige nicht kalkulierbare Faktoren ins Wanken geraten. In unserem Leichtsinn hatten wir nicht mit 27 Schüler*innen gerechnet, die ein Eis aussuchen, bestellen, bezahlen UND auch noch essen wollen. „Bezahlt denn nicht die Schule das Eis?“, fragte Kemal. Das konnte ich aus Mangel an Zeit nur kurz verneinen.

Minigolf ist nur was für Harte

Endlich kamen wir am eigentlichen Ziel unserer Wanderung an. Der Besitzer des Minigolfplatzes verzieh uns die Verspätung und teilte gleich die nötige Ausrüstung aus. Vergebens versuchten meine Kollegin und ich, das Chaos zu ordnen. Sie möchten bitte Vierergruppen bilden, pro Gruppe einen Schläger und einen Ball mitnehmen. „Und den Schläger nicht in Kopfhöhe schwingen!“, hörte ich mich noch schreien. Ich war am Ende der Schlange geblieben und wartete auf meine Ausrüstung. Zuerst sollten die Mädels und Jungs versorgt werden, die mittlerweile emsig bei der Sache waren. Diese plötzliche Begeisterung für Minigolf ließ mich zweifeln, ob alle meine Sicherheitseinweisung gehört hatten. Eifrig nahmen alle ihre Ziele ins Visier.

Die Sache mit den Globuli

Der erste Treffer folgte prompt. Ich hatte meinen Golfschläger gerade erst an mich genommen, da kamen direkt zwei Schüler an. Sie stützten einen dritten, blutüberströmten Mitschüler zwischen sich. „Der Georg blutet,“ verkündeten sie aufgeregt das Offensichtliche. Jetzt war mein Moment gekommen. Mit einem ‚Siehst du?!‘ auf den Lippen konnte ich das vorher belächelte Erste-Hilfe-Set zum Einsatz bringen. Ich öffnete das kleine rote Päckchen, um die Verletzung zu versorgen. Derweil brach bei Kollegin Adabei die Hektik aus. „Da wären jetzt Arnica-Globuli gut,“ warf sie ein. Leicht amüsiert antwortete ich, dass Globuli eher nicht zur Grundausstattung eines Erste-Hilfe-Sets gehören.

Der Anfang vom Ende?

Tatsächlich handelte es sich bei Georgs Verletzung nur um eine kleine Platzwunde an der Augenbraue. „Der Patrick hat zu weit ausgeholt,“ wurde mir der Unfallhergang geschildert. „Gut, dass ich heute meine Brille nicht aufhatte,“ meinte der verwundete Georg. Ich lobte die Jungs noch, dass sie es zumindest bis zum ersten Loch geschafft hätten. Georg riet ich, mit seinen Eltern sicherheitshalber noch zum Arzt zu gehen. Bis dahin solle er sich noch eine abenteuerliche Geschichte zu seiner Verletzung ausdenken. Eine angebliche Schlägerei wäre besser für seine „street credibility“ als ein kleiner Golfschläger. Ihm blieben zum Glück keine Spätfolgen und keine Narbe. Mir blieb dafür eine abenteuerliche Anekdote, in der selbstverständlich alle Namen geändert wurden. Minigolf ist eben nur was für Harte. Soviel zum Thema Sicherheit für Schülerinnen und Schüler. Am Wandertag Lehrer oder Lehrerin zu sein bedeutet, auf alles gefasst zu sein…


Elternsprechtag – wenn die Eltern zweimal klopfen (Teil 1)

Simon

Als Lehrer an einem Gymnasium in Bayern hatte ich schon die Möglichkeit als Autor an einigen Trainingsbüchern des STARK-Verlags mitzuarbeiten und etwas Verlagsluft zu schnuppern. Nun schreibe ich für schultrainer.de und möchte den Leserinnen und Lesern einige Einblicke in den Schulalltag und die Bildungslandschaft geben sowie über andere relevante und interessante Themen berichten.

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