Geschlechterrollen im Unterricht

In unserer Gesellschaft existieren bestimmte Geschlechterrollen, mit denen wir von klein auf konfrontiert werden. Das musste ich erst kürzlich erschrocken feststellen. Meine zweieinhalbjährige Tochter erklärte mir, als ich Besen und Schaufel benutzte, das seien „Frauenssachen“. Von mir hat sie diese Bezeichnung nicht und auch mein Mann sagt, er sei an dieser Fehleinschätzung unschuldig.

Dennoch schlagen uns und unseren Kindern solche Klischees ständig entgegen und als Eltern müssen wir uns den Mund fusselig reden, um sie wieder geradezurücken. Dabei müssen wir uns selbst ständig hinterfragen – denn immerhin sind auch wir oft mit klischeehaften Geschlechterrollen aufgewachsen. Diese sind ganz unbewusst in unseren Köpfen verankert.

Geschlechterrollen

© Alina Demidenko. Shutterstock

Geschlechterrollen zu Hause und in der Schule

Auch in Schulen und in Unterrichtsmaterial sind solche Stereotype immer wieder zu finden. Lehrer*innen machen in Beispielsätzen ganz automatisch aus Frauen Krankenschwestern und aus Männern Ärzte oder zeichnen Bilder von Mädchen, die sich gerne um andere kümmern, und von Jungen, die mutig und stark sind. Diese „Geschichten“ in unseren Köpfen werden von Schüler*innen wieder aufgegriffen, wenn wir sie nicht hinterfragen. Auch wir in der Redaktion beim Stark Verlag müssen gut aufpassen, dass wir nicht versehentlich in die Gender-Falle tappen – und tun es oft genug eben doch.[i]

Gendergerechte Inhalte

Neben dem biologischen Geschlecht, ermöglicht der Begriff Gender, über das Geschlecht als soziales Konstrukt zu sprechen. Er öffnet eine große Bandbreite, bei der Menschen sich unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht als eher weiblich oder eher männlich einordnen können (Oder wie es meine Tochter sehr weise ausgedrückt hat: „Meistens bin ich ein Mädchen.“).[1] Gleichzeitig deckt er auf, dass wir in unserer Gesellschaft oft aufgrund unseres biologischen Geschlechtes mit bestimmten Rolleneigenschaften bzw. Geschlechterrollen verknüpft werden.

Gender-Marketing

Intensiv ausgenutzt werden Geschlechterrollen seit den 2000ern durch so genanntes Gender-Marketing. Die Wirtschaft hat erkannt, dass sie das Bedürfnis von Kindern, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, nutzen kann, um noch mehr und noch besser zu verkaufen. In der Kindergartenzeit beginnen Jungen und Mädchen sich mit ihrem eigenen Geschlecht auseinanderzusetzen – und zu prüfen, welche Erwartungen an sie gerichtet werden, WEIL sie Jungen (bzw. Männer) oder Mädchen (bzw. Frauen) sind.

Warum das ein Problem ist

Auf den ersten Blick erscheint das vielleicht harmlos. Immerhin bietet die Werbung, unsere Geschichten, unsere Zuordnung nur eine Möglichkeit, in der sich alle selbst ihren eigenen Weg suchen können. Studien zeigen jedoch, dass man sich diesen Stereotypen nicht einfach entziehen kann, sondern (oft unbewusst) von Geschlechterrollen beeinflusst wird.

Wird Kindern vermittelt, dass Mädchen rosa und Glitzer lieben, Jungen aber doch besser lieber Fußball spielen sollen, dann werden sie versuchen, sich diesen Rollen anzupassen – egal, ob es ihren eigenen Neigungen entspricht oder nicht. Und das ist erst der Beginn eines lebenslangen Prozesses.

Sprache schafft Wirklichkeit. Erzählungen schaffen Wirklichkeit

Wer sich fragt, warum so wenige Frauen in MINT-Berufen arbeiten und warum es Jungen und Männern oft schwerer fällt, ihre Gefühle auszudrücken und auf sich selbst und andere zu achten (Stichwort: toxische Maskulinität), muss bei den Geschichten ansetzen, die wir Kindern und Jugendlichen erzählen. Wer sich intensiver mit diesen Prozessen auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich die Lektüre der Rosa-Hellblau-Falle[2].

Geschlechterrollen im Unterricht

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Wie du im Unterricht (Sprach-)Wirklichkeit schaffst

Achte also in deinen Unterrichtsmaterialien, Lösungen und Präsentationen darauf, welches Rollenbild unbewusst vermittelt wird. Hinterfrage Aufgabenstellungen und Antworten, die sich (unbewusst) solcher Klischees sowie Geschlechterrollen bedienen und sprich dies im Unterricht an. Achte auch darauf, ob in den Texten richtig gegendert wird oder das generische Maskulinum auftaucht (mehr dazu hier). Wenn du mit deiner Klasse oder deinem Kurs über das Problem diskutierst, schaffst du Aufmerksamkeit. Ein gesellschaftlicher Wandel kann im Klassenzimmer beginnen. Fortschritt ist ein Prozess und wenn wir im Klassenzimmer eine neue (Sprach-)Wirklichkeit schaffen, wird diese auch in anderen Medien Einzug halten.

Männer mögen Pomelos, Frauen eher nicht

Wie absurd die Entstehung solcher Rollenklischees in den Köpfen unserer Kinder sein können und dass man kleinen Kindern wirklich alles über die Unterscheide bei Männern und Frauen beibringen könnte, zeigte sich wenige Tage später bei meiner Tochter. Wir hatten im Supermarkt Pomelo gekauft, eine Frucht, die mein Mann gerne verzehrt, ich jedoch nicht. Der logische Schluss meiner Tochter „Mama, Männer essen Pomelo. Frauen essen eher nicht so Pomelo.“ Natürlich habe ich sie auch hier aufgeklärt und ihr gesagt, dass sie gerne weiter Pomelos essen kann, wenn diese ihr schmecken.

[1] Nicht zuletzt weiß man heute, dass auch das biologische Geschlecht eine Bandbreite darstellt und dass nicht immer ein eindeutige Zuordnung möglich ist.

[2] Schnerring, Almut und Sascha Verlan: Die Rosa-Hellblau-Falle. München: Verlag Antje Kuntmann, 2014.

[i] Wir sind stets bemüht, uns und unsere Produkte zu verbessern. Schreibt uns also, wenn ihr seht, wo wir Fehler machen!

Lena

Als Mutter einer kleinen Tochter und Redakteurin im Fachbereich Englisch der Stark Redaktion bin ich im Alltag gut beschäftigt. Wenn mir noch etwas Zeit bleibt, schreibe ich hier zu Themen, die mir am Herzen liegen.

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