Eins mit Gender-* – Gendergerechte Sprache im Unterricht

Wir im Stark Verlag mussten kürzlich eine Entscheidung treffen. Im Rahmen einer neuen Editorial Policy[1] diskutierten wir darüber, wie wir in unseren Produkten mit dem Thema gendergerechte Sprache umgehen sollen. Zu den Kurzformen gibt es viele unterschiedliche Positionen. Ich habe schon lange einen Favoriten – das Gender-Sternchen. (Und das nicht nur weil es ein bisschen nach Glamour und Regenbogen klingt.) Auch in unserer Redaktion wurde viel diskutiert. Sollte man „auf Nummer sicher“ gehen und die bisher gebräuchliche Schreibung (Redakteur/-in) beibehalten? Oder eine der anderen möglichen Varianten wählen?

Gendergerechte Sprache Rosa Hellblau

Richtig gendern ist nicht zu schwer (© pixabay.com/CC0 Creative Commons)

Was sagen Duden und Co.?

Erst im November tagte der Rat für deutsche Rechtschreibung zum Thema „Geschlechtergerechte Schreibung“. Sein Beschluss: es gibt vorerst keine Empfehlung. Eine legitime Entscheidung. Der Rat für deutsche Rechtschreibung soll vorgeben, wie Wörter geschrieben werden und welche grammatikalischen Formulierungen richtig sind. Dabei muss er unsere Sprachwirklichkeit berücksichtigen, das heißt, wie die deutsche Sprache in Wort und Schrift eingesetzt wird. Durch seinen Beschluss möchte er vermeiden, die Sprachentwicklung in diesem Bereich „durch vorzeitige Empfehlungen und Festlegungen“ zu beeinflussen.[2] Bevor in Wörterbüchern wie dem Duden also steht, welche Schreibformen verwendet werden sollen, um die Bandbreite und Komplexität von Gender besser darzustellen, müssen wir (als Gesellschaft) uns entscheiden.

Gendern an Schulen und im Unterricht

An Schulen und im Unterricht spielt Sprache im Rahmen der Wissensvermittlung eine besondere Rolle. Elternbriefe, Unterrichtsmaterial, Hausaufgaben – Schüler*innen, Lehrkräfte und Schulleitungen verwenden täglich meist unbewusst viele Formulierungen, die sich auf das Geschlecht einer oder mehrerer Personen beziehen.

Für sie sind die Beschlüsse des Rats für deutsche Rechtschreibung als „Regelwerk der deutschen Rechtschreibung“ verbindlich.[3] Gleichzeitig entsteht an Schulen und für Schulen (in Form von Unterrichtsmaterial) eine unglaubliche Menge Texte, welche die Sprache unserer Zeit abbilden.

Schaffe Sprachwirklichkeit!

Vor diesem Hintergrund solltest du als Schülerin oder Schüler, als Lehrerin oder Lehrer, als Vater oder Mutter eines Kindes überlegen, welche Sprache du verwenden möchtest. Es braucht keine Vorgaben durch den Duden, um geschlechtergerechte Sprache in deinen Texten umzusetzen. Auch ohne Empfehlung gibt es bereits jetzt viele Schreibweisen und sprachliche Konstruktionen, die inklusiv statt exklusiv und sowohl gesellschaftlich akzeptiert als auch gut lesbar sind.

Gendergerechte Sprache Gendersternchen

Sprachwirklichkeit schaffen (© pixabay.com/CC0 Creative Commons)

Weshalb brauchen wir eine gendergerechte Sprache?

Gleichstellung Mann und Frau

In Bezug auf eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau wirkt Sprache in vielen Bereichen noch diskriminierend. Oft wird (auch im Unterricht) in Texten ganz unbewusst noch das generische Maskulinum verwendet. Man stellt fest, dass Schüler ihre Hausaufgaben regelmäßig machen müssen (und impliziert vielleicht unbewusst, dass Schülerinnen dies bereits tun). Man spricht ganz allgemein von Lieblingsschauspielern und Sportlern – ohne zu berücksichtigen, dass eine solche Formulierung nachgewiesenermaßen dazu führt, dass Frauen seltener mitgedacht werden. Almut Schnerring und Sascha Verlan erläutern in ihrem Buch Die Rosa-Hellblau-Falle hierzu:

Die Linguistin Ursula Doleschal schreibt, dass Kinder erst relativ spät erkennen, dass das generische Maskulinum, also die Verwendung der maskulinen Form für weibliche und männliche Personen, geschlechtsneutral gemeint sein kann. […]

Mehr noch: Der Alltag zeigt, dass auch Erwachsene das generische Maskulinum nicht geschlechtsneutral wahrnehmen.

Entsprechend fasst das Ministerium für Justiz, Frauen, Jugend und Familie des Landes Schleswig-Holstein in seinem „Leitfaden zur geschlechtergerechten Formulierung“ das Ergebnis mehrerer Studien zusammen: „Sprecherinnen und Sprecher beziehen Frauen stärker ein, wenn ein Text geschlechtergerecht formuliert ist. Wird zum Beispiel nach Politikerinnen und Politikern oder Sportlerinnen und Sportlern gefragt, so nennen die Befragten mehr Frauen als auf die Frage nach Politikern oder nach Sportlern.“[4]

Intersexualität, Transsexualität und Transgender

Zudem betrifft eine gendergerechte Sprache intersexuelle Menschen, die biologisch sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale (etwa in Bezug auf Chromosomen und Hormone) aufweisen. Dabei handelt es sich geschätzt immerhin um mindestens 80 000 Menschen in Deutschland. Erst im vergangenen Jahr wurde entschieden, dass man in Deutschland neben den Geschlechtern weiblich und männlich auch das Geschlecht „divers“ ins Geburtenregister eintragen lassen kann. Auch einige Trans*personen fühlen sich durch eine gendergerechte Sprache besser berücksichtigt und angesprochen.

Gendergerechte Sprache Ballons

Es geht nicht nur um „Mann“ und „Frau“ (© pixabay.com/CC0 Creative Commons)

Wie kann man richtig gendern?

Es gibt viele mögliche Strategien, die ich euch hier kurz mit einigen Hintergründen vorstellen möchte. Dabei gehe ich auch auf Formulierungen ein, die aus meiner Sicht nicht tauglich sind, um das Problem anzusprechen.

Doppelnennung

Die häufigste Variante ist die Doppelnennung (Liebe Schülerinnen und Schüler, Liebe Lehrerinnen und Lehrer). Tritt sie vereinzelt auf, stört sie den Lesefluss kaum, häuft sie sich jedoch in einem Satz, dann sollte man auch andere sprachliche Mittel einbeziehen.

Kurzformen

Allgemein lautet die Empfehlung, Kurzformen nur da einzusetzen, wo sie notwendig sind, das heißt wo aus Platzgründen keine anderen Formulierungen möglich sind. Das trifft vor allem auf Tabellen, Formulare und Stichpunkte zu. Hier kommen die folgenden Varianten in Frage.

Schrägstrich

Den Schrägstrich kennt und verwendet man seit langem in der Schreibung und folgt man dem Duden ist diese Schreibung richtig. Allerdings steht der Schrägstrich für ein „oder“ zwischen den Geschlechtern und ist somit in einer Zeit, in der das Bundesverfassungsgericht auf eine Gleichstellung intersexueller Menschen pocht, nicht mehr zeitgemäß.

Klammer

Problematisch ist auch die schon lange gebräuchliche Klammerschreibung, z.B. Schüler(-innen). Zwar ist bei ihr ein „oder“ weniger deutlich gedacht, aus Gründen der Gleichstellung ist es jedoch wenig nachvollziehbar, Frauen „in Klammern“ zu setzen. Dies würde bedeuten, dass sie weniger von Bedeutung sind.

Binnen-I

Das Binnen-I (ein großes „I“ in der Wortmitte vor der weiblichen Endung eines Substantives; z.B. „SchülerInnen“) entstand in den 70er Jahren. Die Duden-Sprachberatung hat sich in der Vergangenheit immer wieder gegen diese Schreibweise ausgesprochen (und kennzeichnet sie gleichzeitig weder als richtig noch als falsch). Sie begründet dies damit, dass in der deutschen Sprache Großschreibung nur am Anfang von Wörtern verwendet wird. Das Österreichische Wörterbuch enthält diese Form neben einer Schreibung mit Klammer und Schrägstrich und kennzeichnet sie eindeutig als richtig (bzw. nicht fehlerhaft). Vielleicht hat sie sich deshalb im österreichischen Sprachraum – auch in der öffentlichen Verwaltung und an Universitäten – durchgesetzt. Kritiker*innen argumentieren, dass das Binnen-I eine weibliche Lesweise begünstige, dass man also verstärkt das Bild einer Frau im Kopf habe.

Unterstrich

Eine Alternative zum Binnen-I ist der Unterstrich (z.B. „Schüler_innen“), auch Gender-Gap genannt. Durch den Zwischenraum soll dargestellt werden, dass es zwischen Mann und Frau auch andere Geschlechter gibt. Gelegentlich wird kritisiert, dass die Lücke mit „lückenhaft“ verbunden werden könnte und dass so angedeutet würde, dass Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen können oder möchten, einen Mangel aufweisen. Diese Kritik ist jedoch recht spitzfindig und auch Betroffene werden ihr nur vereinzelt folgen. Wie auch das Binnen-I erkennt der Duden diese Schreibung weder als richtig noch als falsch an.

Gendergerechte Sprache Gender Gap

Gender-Gap als mögliche Kurzform (© pixabay.com/CC0 Creative Commons)

Sternchen

Immer häufiger findet man als Sprachvariante das Gender-Sternchen (z.B. „Schüler*innen“). Es funktioniert wie der Unterstrich und verwendet ein Schriftzeichen, das sonst eher selten in der deutschen Sprache auftaucht (und verhindert so ein falsches Lesen). Das Sternchen entstammt dem Computerbereich und kann als Platzhalter für eine unbegrenzte Zahl verschiedener Zeichen eingesetzt werden. So symbolisiert es die unbegrenzte Zahl möglicher Geschlechter zwischen „männlich“ und „weiblich“. Auch diese Schreibung ist bislang nicht im Duden enthalten.

Generisches Maskulinum

Der Vollständigkeit halber erwähne ich hier auch noch einmal das generische Maskulinum. Generisches Maskulinum bedeutet, dass man lediglich die grammatikalisch maskuline Form eines Substantives verwendet, die Frauen jedoch „mitgemeint“ sind. Man fragt also beispielsweise „seinen Arzt oder Apotheker“, egal ob man nun bei Frau Dr. Hase oder Herrn Dr. Fuchs in Behandlung ist. Problematisch an dieser Schreibweise ist, wie oben bereits beschrieben, dass Frauen eben doch oft nicht mitgedacht werden.

richtig gendern - Frauen und MINT

Frauen und MINT (© Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V., CC BY-SA 3.0 DE)

Weitere Möglichkeiten

Im Fließtext gibt es neben den Kurzformen jedoch auch noch viele andere Möglichkeiten, gendergerecht(er) zu formulieren.

Geschlechtsneutrale Begriffe

Im Deutschen gibt es zahlreiche geschlechtsneutrale Begriffe (z.B. Lehrkraft, Elternteil). Manchmal klingen diese etwas gekünstelt, sie haben jedoch den Vorteil, dass alle möglichen Geschlechter angesprochen werden.

Plural

Der Plural hilft vor allem, zu vermeiden, dass durch Doppelnennungen unnötig komplexe Sätze entstehen. So schreibt man beispielsweise statt „Hat ein Schüler oder eine Schülerin seine oder ihre Hausaufgaben vergessen, dann sollte er oder sie diese bis zur nächsten Stunde nachholen.“ „Schülerinnen und Schüler, die ihre Hausaufgaben vergessen haben, sollten diese bis zur nächsten Stunde nachholen.“

Dies ist nur eine Auswahl aus vielen Möglichkeiten. Noch mehr Ideen findet ihr im Buch Richtig Gendern[5] oder hier[6].

Lesbarkeit

Häufig wird als Argument gegen gegenderte Texte angeführt, dass man sie schlechter lesen kann. Tatsächlich kann der Lesefluss darunter leiden – wenn man es nicht richtig macht. Ein Text, der verschiedene Mittel einsetzt, um so zu formulieren, dass niemand ausgegrenzt oder herabgesetzt wird, wird genauso gut lesbar sein und die Wirklichkeit besser abbilden. Am Anfang benötigt man etwas mehr Zeit, um seine eigenen Ausdrucksweise zu hinterfragen. Aber mit der Zeit greift man automatisch auf die bessere Formulierung zurück.

Unsere Entscheidung

Damit unsere Texte gut lesbar bleiben, werden wir beim Stark Verlag vor allem auf Techniken wie die Doppelnennung oder geschlechtsneutrale Begriffe zurückgreifen. Dennoch mussten wir auch für die Kurzformen eine Entscheidung treffen. Unsere Geschäftsführung war mutig genug, diesen Prozess demokratisch zu lösen. Bei der Wahl zwischen Schrägstrich und Sternchen entschieden wir uns eindeutig für das Gender-Sternchen. Ihr werdet es also in Zukunft in unseren neu erschienen Bänden immer öfter finden.

Gender-Sternchen in einem neuen STARK-Titel (90462D; © STARK Verlag 2018)

Natürlich spielen neben der Sprache gendergerechte Inhalte eine große Rolle. Mehr dazu hier.


[1]eine freiwillige Verpflichtung, in der wir uns als Verlag Regeln setzen, die wir berücksichtigen, um Sprache und Inhalt unserer Produkte gerechter und inklusiver zu machen

[2]Rat für deutsche Rechtschreibung: „Empfehlungen zur ‚geschlechtergerechten Schreibung‘“, 16. November 2018: http://www.rechtschreibrat.com/DOX/rfdr_PM_2018-11-16_Geschlechtergerechte_Schreibung.pdf

[3]ebd.

[4] Schnerring, Almut und Sascha Verlan: Die Rosa-Hellblau-Falle. München: Verlag Antje Kuntmann, 2014. S. 193/194.

[5] Diewald, Gabriele und Anja Steinhauer: Richtig Gendern. Berlin: Dudenverlag, 2017.

[6] https://www.frauenbeauftragte.uni-muenchen.de/genderkompetenz/sprache/index.html

Lena

Als Mutter einer kleinen Tochter und Redakteurin im Fachbereich Englisch der Stark Redaktion bin ich im Alltag gut beschäftigt. Wenn mir noch etwas Zeit bleibt, schreibe ich hier zu Themen, die mir am Herzen liegen.

2 Kommentare

  • AvatarChristoph Strebel

    Es werden viele noch lange auf der alten Regelung verharren. Weil man es so gewohnt ist und weil gegenderte Textinnen nun einmal schwerer lesbar sind. Auch wegen der euphemistischen Tretmühle ist es schwierig, immer auf dem aktuellen Stand des Neusprechs zu sein oder zu bleiben.
    Sie werden immer wieder das jeweils aktuelle Neusprech-Wörterbuch herausgeben und dafür werben müssen.

  • AvatarMAG

    Das wäre für mich ein ernsthafter Grund die Lehrwerke Ihres Verlags zu meiden. Wer nicht einmal die Grundlagen der deutschen Sprache beherrscht, sollte sich nicht an Schülern versuchen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.