Elternsprechtag – wenn die Eltern zweimal klopfen (Teil 5)

[Fortsetzung von Teil 4]

Nie werde ich ihn vergessen, meinen ersten Elternsprechtag als Lehrer.

Das Finale steht bevor

Tumbleweed Elternsprechtag

© MBPROJEKT_Maciej_Bledowski (Thinkstock.com)

Das vorletzte Gespräch meines ersten Elternsprechtags war vorüber. Ich brachte den Vater (ja, es gehen auch Väter auf Elternsprechtage!) zur Tür. Mit klopfendem Herzen, denn das Gespräch zu meinem ersten Verweis (siehe Teil 2) stand ja noch bevor.

Dann würde ich […] zwar fix und fertig, aber lebend – nach Hause zu fahren.

Ich öffnete die Tür und erwartete halb und halb, dass vor der Tür ein Eissturm wütete oder zumindest wie in einem schlechten Western Strauchballen vorbeirollten. Aber: der Gang war leer. Leer! Niemand zu sehen. Ich schloss die Tür hinter dem Vater wieder und begab mich schnell zu meinen Aufzeichnungen. Da stand es doch schwarz auf weiß: eine Eintragung auf meiner Liste war noch übrig: „Max Mutter“.

Gibt es ein Happy End beim Elternsprechtag?

Ich beschloss, noch einmal zur Tür zu gehen und draußen zu warten. Nur noch ein/zwei Minuten. Dann würde ich zusammenpacken, nach unten gehen, in mein Auto steigen und – zwar fix und fertig, aber lebend – nach Hause zu fahren.
Ich öffnete schon relativ beschwingt die Tür… und blickte in das sehr ernste Gesicht einer Frau, die sich gerade auf den Stuhl vor meinem Zimmer setzen wollte.

…wie ein schlechtes Drehbuch zu einem Teenie-Horror-Film?

Mir blieb kurz das Herz stehen und ich konnte nichts sagen. „Ah, Sie sind das“, sagte Frau Schmidt [Name geändert] nur kurz und bündig. „Also dann, bringen wir es hinter uns.“ Ein Satz wie in einem Thriller. Was meinte sie mit „es“? Das Gespräch? Die Situation? Oder eines der Szenarien, die sich plötzlich wieder in meinem Kopf ausbreiteten, wie ein schlechtes Drehbuch zu einem Teenie-Horror-Film?

Die Konfrontation

Elternsprechtag Finale Konfrontation

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„Guten Abend, Frau Schmidt. Kommen Sie doch herein“, bringe ich gerade so heraus und hoffe, dass man mein Herzklopfen nicht heraushört. Ich gehe zu meinem Platz und warte, bis sie sich hinsetzt. Aber Frau Schmidt greift stattdessen in ihre Handtasche, holt ein gefaltetes Papier mit spitzen Fingern heraus und wirft es mit einer abfälligen Handbewegung vor mich auf den Tisch. „Und was machen Sie jetzt, wenn ich das nicht unterschreibe?“

Freeze – die Zeit bleibt stehen.

Es handelt sich bei dem Papier offenbar um das Corpus Delicti, den Verweis, meinen ersten, den Grund für meine Aufregung und das Damoklesschwert, das über dem heutigen Abend hängt. Jetzt ist die Situation gekommen, die ich herbeibeschworen habe. Was sage und tue ich nun? Freeze – die Zeit bleibt stehen.

Dem Schulrecht sei Dank!

Wie im Traum höre ich plötzlich eine Stimme. Es ist die Stimme meines Seminarlehrers für Schulrecht: „Ein Verweis ist kein Verwaltungsakt. Es handelt sich um eine Ordnungsmaßnahme, die nicht angefochten werden kann, da sie keine Außenwirkung hat. Also muss der Verweis nicht gegengezeichnet werden. Er hat ausschließlich pädagogische Bedeutung. Der Lehrer muss lediglich sicherstellen, dass die Eltern (wenn die Schülerin oder der Schüler noch nicht volljährig ist) den Verweis zur Kenntnis genommen haben.“

„Dann müssen Sie mir den Verweis geben!“

„Sie müssen gar nichts unterschreiben“, sage ich mit fester Stimme. „Sie müssen nur von dem Verweis Kenntnis nehmen und das haben Sie offenbar getan. Aber wollen Sie nicht wissen, warum ich Max diesen Verweis gegeben habe?“

Verweis Elternsprechtag

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„Das weiß ich ja“, kommt postwendend die Antwort geflogen. „Er hat aber in meinem Auftrag gehandelt und mich in die Listen eingetragen. Dann müssen Sie mir den Verweis geben!“, setzt Sie beinahe schon triumphierend nach. Ich atme kurz durch und beschließe dann, einfach den genauen Hergang zu erzählen. Wie er fünf Minuten zu spät auftauchte, wie er ohne Klopfen und ohne Gruß, seine Schultasche schleudernd hereinkam. Und wie er… „Moment mal“, fährt Frau Schmidt dazwischen. „Das hat er aber anders erzählt. Er ist ohne zu grüßen und ohne Entschuldigung in die Stunde gekommen?“ „Ja, aber deswegen habe ich ihm den Verweis nicht gegeben.“ (Das wäre auch eine ziemlich übertriebene und nicht zu rechtfertigende Maßnahme.) „Das ist egal. Wir haben ihm beigebracht, dass er immer höflich sein soll. Wenn er nicht grüßt und so ein Verhalten an den Tag legt, dann hat er den Verweis verdient! Wo soll ich unterschreiben?“

Der Lehrer – Anwalt der Schüler und Eltern

Das hätte ich im Leben nicht erwartet. Fassungslos starre ich sie an. Hat sie eben die Seiten gewechselt? Aber es gibt ja gar keine Seite. Wir sind alle auf derselben Seite. Das begreife ich nun aufs Neue. Ich bin nicht in einem Konflikt, in einem Kampf, sondern in der Schule! Ich bin Lehrer und soll sowohl Anwalt der Schüler, als auch der Eltern sein. Das ist das Wichtigste hier.

Wissen Sie, ich fühle mich manchmal in der Klasse hilflos.

„Sie müssen ja gar nichts unterschreiben“, sage ich in ruhigerem Ton. „Der Verweis wird im Schülerakt abgeheftet und hat keine sonstige Auswirkung, außer zu dokumentieren, dass Max einmal erwiesenermaßen zu spät zum Unterricht kam. Viel wichtiger ist mir, dass Sie hier sind und wir darüber sprechen. Wissen Sie, ich fühle mich manchmal in der Klasse hilflos. Das sind alles nette und schlaue Jungs und Mädels, aber in der Masse sind sie manchmal ganz schön schwierig.“ Und ich plaudere drauflos, rede mir in gewisser Weise Frust von der Seele, beschönige und verfälsche nichts. Die Reaktion von Frau Schmidt ist bemerkenswert: „Ich verstehe Sie sehr gut. Das alles können Sie ja schlecht auf den Verweis schreiben. Darum ist es gut, dass es den Elternsprechtag gibt. Da kann man vieles mit einem Gespräch klären. Ich spreche noch einmal mit Max und erkläre ihm auch Ihre Situation. Vielen Dank für Ihre offenen Worte.“ Wieder weiß ich nicht, was ich sagen soll.

Das Ende…

Nachdem wir uns verabschiedet haben, diesmal mit Händeschütteln und einem Lächeln, kommen mir kurz Zweifel, ob ich das Richtige getan habe. Komme ich so nicht „schwächlich“ rüber. „Nein!“, beschließe ich. Vielleicht hätte ich dieses Gespräch sogar direkt mit Max führen können. Beim nächsten Mal, wenn eine ähnliche Situation eintritt, werde ich noch besser reagieren. Das nehme ich mir fest vor.

Als die Tür aufgeht und mein Kollege von nebenan verschmitzt grinsend hereinschaut, bemerke ich erst, dass der Elternsprechtag vorbei ist. Eigentlich schade. Es waren wirklich lehrreiche Situationen dabei. Ich packe zusammen und fahre nach Hause.

Ende Elternsprechtag

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…und die Folgen

Ich weiß nicht, was Frau Schmidt mit Max gesprochen hat, aber von der nächsten Stunde an war er wie ausgewechselt. Er meldete sich beständig, war nett und freundlich zu mir und auch die anderen arbeiteten immer besser mit. Ich hatte den Eindruck, sie sahen mich nicht mehr nur als Lehrer, sondern als menschliches Wesen, das (ab und zu) auch mal schwach und hilflos sein kann.

Diese Erfahrung werde ich nie vergessen und auch vor Elternsprechtagen hatte ich von da an keine Panik mehr.

 


 

Wenn Ihr selbst spezielle, interessante, amüsante oder lehrreiche Erfahrungen bei Elternsprechtagen gemacht habt (egal ob ihr Lehrer, Eltern oder Schüler seid), dann schreibt uns das doch in die Kommentare! Wir freuen uns über eure Beiträge!

 

Galrev Krats

Unter dem Pseudonym Galrev Krats schreiben mehr als 50 Redakteure und Webtexter des STARK Verlags für schultrainer.de zu den Themen Schule, Beruf und Karriere.

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