Elternsprechtag – wenn die Eltern zweimal klopfen (Teil 4)

[Fortsetzung von Teil 3]

Nie werde ich ihn vergessen, meinen ersten Elternsprechtag als Lehrer.

Elternsprechtag Händeschütteln

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Gesprächsführung ist das A und O

„Was führt Sie denn zu mir?“ „Gibt es irgendetwas Bestimmtes, was Sie mit mir besprechen wollen?“ „Haben Sie etwas auf dem Herzen?“ Meine Einstiegsfragen wiederholen sich zwar, aber helfen ungemein: zum einen, um nicht das Heft des Gesprächs aus der Hand zu geben; schließlich ist Gesprächsführung und Moderation ja Sache des Lehrers. Zum anderen soll ja ein richtig sinnvolles Gespräch entstehen. Und dazu soll von Anfang an klar sein, dass das hier keine Plauderstunde, sondern ein „Wir-besprechen-gemeinsam-wo-es-hakt-und-wie-wir-dem-gemeinsam-begegnen“ sein soll.

Man geht halt hin, obwohl es keinen echten Anlass gibt…

Bereits an der Seminarschule habe ich gelernt, dass viele Eltern den Elternsprechtag als (meist lästige) Pflichterfüllung ansehen. Man geht halt hin, obwohl es keinen echten Anlass gibt, hört sich an, was die Lehrer so über den Sohn oder die Tochter erzählen, und gibt (wenn nötig) seinen Senf dazu. Meist kommt dann zu Beginn die Standardfrage: „Wie ist er/sie denn so im Unterricht?“ Und, tja, was soll man da sagen?

Was führt Sie denn zu mir?

Nach meinem Einstieg, besonders nach der direkten Frage nach etwas Bestimmtem, das die Eltern hierherführt, folgt meist ein kurzes Schweigen und dann eine Verneinung. „Na, dann. Wunderbar. Auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal!“ – das wäre eine wünschenswerte Erwiderung.

„Dann schauen wir uns doch mal die bisherigen Zensuren an…“

Aber so will ich natürlich auch nicht sein. Schließlich ist man doch auch Dienstleister. Außerdem würde ich mich das nie trauen. Und so mund- und auskunftsfaul will ich ja gar nicht sein. „Dann schauen wir uns doch mal die bisherigen Zensuren an…“, sage ich meist als Überleitung zu einem für alle vertrauten Thema und ich kann mich an meine Aufzeichnungen und mein Notenbuch halten. Oder ich kann tatsächlich eine Anekdote aus dem Unterricht bieten oder eine Anmerkung, dass der Schüler oder die Schülerin doch mehr mitarbeiten könnte oder hie und da besser vorbereitet in den Unterricht kommen könnte.

Der Elternsprechtag läuft doch ganz gut…

Elternsprechtag Monster

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Einmal entwickelt sich gar ein herzerfrischendes Gespräch über die Zukunftspläne des Sohnes, die doch ein ganz anderes Bild des sonst eher unscheinbaren Schülers erahnen lassen. Meine Aufzeichnungen werden durch solche Einblicke ergänzt und ich ermahne mich innerlich, den Schülerinnen und Schülern gegenüber noch unvoreingenommener zu sein. Schließlich erinnere ich mich noch selbst gut an Situationen, in denen ich mich vom Lehrer unverstanden und verkannt fühlte.

Ich grinse wie ein frischgebackener Olympiasieger.

In einem anderen Gespräch werde ich so von Lob überschüttet, dass ich sofort rot anlaufe. „Die Klasse hat sich darauf gefreut, eine junge Lehrkraft zu bekommen. Sie finden ihren Unterricht wirklich super und lernen ganz fleißig.“ Keine Ahnung, wie eine Mutter das Gefühlsleben von 30 Schülerinnen und Schülern auf einmal wissen kann, aber das ist mir in diesem Moment egal. Ich grinse wie ein frischgebackener Olympiasieger.

…oder doch nicht?!

Doch mein Hochgefühl währt nur bis zum nächsten Gespräch. Eine Mutter bemängelt die Menge an Hausaufgaben. Zudem erklärt sie mir, dass die Disziplin bei der Vorgängerin gerade anfing zu greifen. „Und jetzt kennen sich die Kinder wieder nicht aus.“ (Wieder scheint sie alle 30 Schüler befragt zu haben – und eine völlig andere Stimmung als die Mutter zuvor meint, herausgehört zu haben.) Meine Rechtfertigungen klingen auch für mich selbst wie hohle Phrasen. Als das Gespräch nach einer gefühlten Stunde, aber tatsächlichen 5-Standard-Minuten endet, fühle ich mich wieder wie ein Ausgelieferter.

In Gedanken sehe ich schon eine Disziplinarkommission, ein Tribunal, eine Hinrichtung.

Es scheint ein Bruch gewesen zu sein, denn beim nächsten Gespräch passiert mir das, was ich im Vorfeld als unverzeihlichen Fehler befürchtet habe: ich verwechsle zwei Schüler!

Eltern Gespräch geht schief

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In höchsten Tönen lobe ich einen wirklich fleißigen Schlaukopf, der immer wieder mit tollen Beiträgen glänzt. Nur um plötzlich zu bemerken, dass der freche Störer der Klasse auf denselben Vornamen hört. Und das Stirnrunzeln der Mutter überzeugt mich schließlich gänzlich davon, dass sie in der Beschreibung ihren Sohn so gar nicht wiedererkennt.

Da ist nichts mehr zu retten

Zerknirscht gebe ich meinen Fehler zu und schwenke von Lob auf Tadel um. Als wir uns verabschieden, sehe ich in ihren Augen, dass sie mich als Lehrkraft von nun an nicht mehr voll nehmen wird. In Gedanken sehe ich schon eine Disziplinarkommission, ein Tribunal, eine Hinrichtung. Vollkommen übertrieben, aber in der Intensität spiegelt das meine Gefühlslage zu diesem Zeitpunkt wider. Ich wünsche mir nur das sprichwörtliche Loch, in das ich mich stürzen kann.

Und nur drei Gespräche später drohte schon die Krönung des Abends. Das Armageddon des Elternsprechtags. Das Ende. Mit anderen Worten: das Gespräch mit der Mutter von Max!

 

Wie der Elternsprechtag endet erfahrt ihr in der letzten Folge…


Elternsprechtag – wenn die Eltern zweimal klopfen (Teil 5)

Galrev Krats

Unter dem Pseudonym Galrev Krats schreiben mehr als 50 Redakteure und Webtexter des STARK Verlags für schultrainer.de zu den Themen Schule, Beruf und Karriere.

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