Elternsprechtag – wenn die Eltern zweimal klopfen (Teil 3)

[Fortsetzung von Teil 2]

Nie werde ich ihn vergessen, meinen ersten Elternsprechtag als Lehrer.

Der Tag geht ja wirklich gut los!

Verkehrschaos und Stress in aller Frühe, eine kurzfristige Vertretungsstunde in meiner sechsten Klasse, die ich ohne Vorbereitung und Materialien mehr schlecht als recht über die Bühne bringe und einen Steinschlag in der Windschutzscheibe beim zwischenzeitlichen Heimfahren – obwohl ich lange überlegt hatte, vielleicht doch einfach den ganzen Tag in der Schule zu bleiben.

„‚F*** You All!’, steht auf dem ersten Tisch…”

Um halb 4 geht es zurück in die Schule und schnurstracks in das mir zugewiesene Klassenzimmer im zweiten Stock, das für den Rest des Tages mein Aufenthaltsort sein wird.

Mein Zimmer für den Elternsprechtag

Klassenzimmer Elternsprechtag

© pixabay.com/CC0 Creative Commons

Ich schiebe die Stühle und Tische zurecht, schließlich hat man mir in der Seminarschule noch erklärt, dass eine möglichst angenehme Atmosphäre mit einer nicht zu autoritären Sitzanordnung wichtig für die Elterngespräche sein soll. DAs heißt am besten an einem gemeinsamen Tisch über Eck sitzen, um nicht ein Gefühl der „Gegnerschaft” zu erzeugen. Und es sollte auch nicht das Lehrerpult sein, da sich die Eltern am Elternsprechtag nicht wie in einem Amt fühlen sollen, in dem man einem Bearbeiter an seinem Arbeitsplatz gegenübersitzt. „F*** You All!”, steht auf dem ersten Tisch, den ich heranziehe – und natürlich gleich wieder wegstelle. Auf dem nächsten prangt eine grinsende Manga-Figur mit langen Zöpfen. Der nächste ist unten über und über mit getrocknetem Kaugummi überzogen.

Wenig repräsentativ das Ganze

Mein Blick schweift über den restlichen Raum. Es gab heute Morgen per Durchsage schon die Anweisung, die Klassenzimmer nach Schulschluss zu säubern. Aber offenbar haben sich manche KuK und SuS nicht daran gehalten. Zumindest in diesem Klassenzimmer. Also räume ich erst einmal auf und schiebe Tische mit allzu unflätigen Sprüchen und Bildern in den hinteren Bereich des Zimmers.

Oh nein! Wo ist die Mappe für meine Sechste?!

Endlich finde ich auch einen offenbar unbenutzten Tisch, der gänzlich ohne Beschriftungen und Kunstwerken ist, und postiere ihn nahe bei der Tür. Bei den Stühlen muss ich wieder ein wenig suchen, aber auch da finde ich drei saubere Exemplare. Sind drei in Ordnung? Oder vier? Wie stelle ich die dann hin? Die durch die Aufräumaktion gesunkene Nervosität bricht sich wieder Bahn.

Ganz ruhig!

Erst einmal alle Aufzeichnungen auspacken und ordnen und dann noch einmal durchgehen, wer in welcher Reihenfolge zu mir kommen wird. Oh nein! Wo ist die Mappe für meine Sechste?! Die werde ich doch nicht zuhause vergessen… ah, nein, da ist sie ja! Jetzt werde ich schon paranoid.

Austausch mit den Kollegen

Zur Nervenberuhigung gehe ich doch noch lieber auf den Gang, vielleicht stehen da auch KuK herum, mit denen man sich unterhalten kann. „Na? Erster Elternsprechtag? Nervös?”, mit einem breiten Grinsen im Gesicht steht der Mathe-Fachbetreuer da, betont lässig am Fenstersims abgestützt. „Mein erster war die Hölle!” Kurz überlege ich, ob ich gleich auf dem Absatz kehrtmachen und in mein Klassenzimmer zurückgehen soll.

„Mein erster war die Hölle!”

Elternsprechtag

© pixabay.com/CC0 Creative Commons

„Der Feind ist aber nicht immer so schlimm. Manchmal sind da ganz nette Gespräche dabei. Und manchmal hilft’s sogar, mal zu sehen, woher die Schüler ihre schlechten Eigenschaften haben.” „Mmh hmm”, antworte ich nur. Der „Feind” – was für eine Vokabel! Ich schalte auf Durchzug und fühle mich fast erlöst, als nur wenige Minuten später das Gespräch abrupt endet, weil die ersten Eltern um die Ecke biegen.

Nur noch fünf Minuten…

Ich nutze den Umstand, dass noch niemand gezielt meine Tür ansteuert, und schaue noch einmal auf meinen Plan. Wann genau ist noch mal mein Elternsprechtag-Highlight-Gespräch – das mit Max‘ Mutter? Ach ja, richtig! Ganz am Ende.

„Hallo? Herr Krats?”, zusammen mit einem leisen Klopfen schiebt sich langsam ein Kopf zur Tür herein. Das Spiel beginnt!

Hier geht es weiter mit Teil 4


Elternsprechtag – wenn die Eltern zweimal klopfen (Teil 4)

Galrev Krats

Unter dem Pseudonym Galrev Krats schreiben mehr als 50 Redakteure und Webtexter des STARK Verlags für schultrainer.de zu den Themen Schule, Beruf und Karriere.

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