Vegane Ernährung bei Kindern – extrem oder konsequent?

Extremisteneltern? In meinem Bekanntenkreis? Tatsächlich, wenn es nach Armin Himmelrath geht, kenne ich Extremisteneltern. So bezeichnet er nämlich in seiner (vermeintlich) lustigen Kolumne Eltern, die ihre Kinder eine vegane Kita besuchen lassen.
Wieso erscheint mir der Begriff unpassend? Ist es nicht extrem, seine Kinder ohne jegliche Tierprodukte zu ernähren? Nicht sogar gefährlich oder eine Form der Körperverletzung, wie Himmelrath andeutet. Ganz so einfach ist es nicht.

Eltern mit Kleinkind

© pixabay.com/CC0 Creative Commons

Was mich daran stört

Ich ernähre mich und mein Kind nicht vegan. Vor meiner Schwangerschaft hatte ich eine kurze, aber auch recht inkonsequente Phase, in der ich tierische Produkte aus meinem Ernährungsplan gestrichen hatte. Jedoch habe ich mit dem Beschluss ein Kind zu bekommen, wieder damit aufgehört.
Ich bin also keineswegs extrem, auch nicht laut der Definition von Herrn Himmelrath. Warum also habe ich mich über den Artikel geärgert? Liegt es daran, dass ich Menschen kenne, die sich und ihre Kinder vegan ernähren?
Nein, ich denke, mein Problem mit dem Vorwurf ist grundsätzlicher. Auch wenn ich es selbst derzeit nicht schaffe (und vielleicht auch nicht ausreichend versuche), halte ich es doch für richtig, sich vegan zu ernähren. Es gibt viele Argumente, die für eine Ernährung ohne jegliche tierische Produkte sprechen.¹

Klimakiller Massentierhaltung

Für mich das überzeugendste ist das Klima. Die Massentierhaltung ist für 14,5 % aller Klimagasemissionen verantwortlich − mehr als Flugzeuge, Autos und Züge zusammen. In Anbetracht der Klimaveränderungen und Folgeschäden, die uns bereits heute treffen (beispielsweise die Dürre in diesem Jahr bei uns oder die Waldbrände in Kalifornien), erscheint es mir nur konsequent, dass wir schnellstmöglich etwas tun müssen, um noch schlimmere Folgen zu verhindern. Würde sich die Mehrheit (überwiegend) vegan ernähren, wären wir dem Ziel, die Klimaerwärmung zu bremsen, schon ein ganzes Stück näher.

An die Kinder denken

Herr Himmelrath hinterfragt die Gründe dafür, dass Eltern (sich und) ihre Kinder vegan ernähren nicht. Für ihn geht es um die Kinder – und natürlich ist es legitim und wichtig, zunächst zu fragen, ob man ein vegan ernährtes Kind ausreichend mit allen Nährstoffen versorgen kann.

Was sagen die Experten?

Die DGE (deutsche Gesellschaft für Ernährung) empfiehlt eine vegane Ernährungsweise im Kindesalter nicht – verweist jedoch gleichzeitig darauf, was zu beachten ist, wenn man sich dafür entscheidet. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) rät von einer veganen Ernährung bei Kindern und Kleinkindern ab − und verweist explizit auf Schwangere, die bei einer veganen Ernährung besonders auf eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B12 achten müssen. Ein Mangel kann hier zu (schweren) bleibenden Schäden führen. Die American Dietic Association (ADA) sagt hingegen, dass eine gut geplante vegetarische (und vegane) Ernährung für alle Altersgruppen und Lebenslagen möglich ist.

Woher kommt die Unsicherheit?

Die Unsicherheit in Bezug auf das Thema beruht auf einer schlechten Studienlage. Mit anderen Worten: es gibt fast keine Studien. Häufig angeführt wird eine wissenschaftliche Untersuchung aus den Niederlanden zu makrobiotischer Ernährung (auf die auch die oben genannte Kolumne Bezug nimmt). Diese ließ annehmen, dass eine rein pflanzliche Ernährung zu Entwicklungsverzögerungen führen kann. Die makrobiotische Ernährung lässt sich aber mit der veganen Ernährung, wie sie heute praktiziert wird, nicht wirklich vergleichen.

Es tut sich was

Aktuell gibt es zwei Studien der Fachhochschule des Mittelstandes², die versuchen, diese Lücke zu schließen. Die VeChi Diet-Studie (Vegetarien and Vegan Children Study), die sich auf die körperliche Entwicklung von Kleinkindern konzentriert und erste Ergebnisse präsentiert hat. Und die VeChi Youth-Studie, die aktuell läuft und Kinder und Jugendliche zwischen sechs und achtzehn Jahren betrachtet.

Erste Erkenntnisse

Die VeChi Diet Studie zeigt: mehr als 90% der vegan ernährten Kinder sind, was Körpergröße und Gewicht angeht, mit ihren Altersgenossen gleichauf. Die übrigen knapp 10% waren (zum Teil deutlich) kleiner als der Durchschnitt. Die möglichen Ursachen hierfür waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels noch nicht ausgewertet. Es ist jedoch festzuhalten, dass 6% der untersuchten Kinder, die vegan ernährt wurden, kein Vitamin B12 Präparat erhielten. Ebenso wurden aufgrund fehlender finanzieller Mittel in der Studie keine Blutwerte überprüft und die Stichprobe war eher klein. Sie ist also nur bedingt aussagekräftig.
Nach Veröffentlichung der ersten Ergebnisse erklärte Professor Markus Keller, dass auch noch nicht ausgeschlossen ist, dass z.B. genetische Ursachen für die Wachstumsverzögerung verantwortlich sind. Die VeChi Youth-Studie ist größer angelegt und verfügt über die Mittel, Laborwerte in die Untersuchung mit einzubeziehen. Es wird interessant zu sehen, zu welchen Ergebnissen sie kommt.

Also ja, nein oder vielleicht?

Völlig unproblematisch ist eine vegane Ernährung bei Kindern also nicht. Es gibt aber eben auch Hinweise, dass eine gut geplante und überwachte vegane Ernährung schon für Kinder und Kleinkinder möglich ist. Entscheidend ist in meinen Augen, dass man nicht „einfach mal macht“, sondern sich umfassend informiert und die Kinder ärztlich betreuen lässt.

Vegane Ernährung bei Kindern

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Was muss man denn nun beachten?

Niemals ohne Vitamin B12!

Vitamin B12 ist bei einer veganen Ernährungsweise der entscheidende Knackpunkt. Wer sich vegan ernährt und langfristig gesund bleiben möchte, MUSS ein Vitamin B12-Präparat zu sich nehmen. In diesem Punkt sind sich alle seriösen Expertengruppen einig. (Auch Vegetarier sollten ihren Vitamin B12-Spiegel im Blick behalten, da es zu einer Unterversorgung kommen kann.)

Sonnenkinder − wir brauchen Vitamin D

Vitamin D kann besonders im Winter und in unseren Breitengraden problematisch sein. Ein Mangel existiert hier auch bei vielen omnivor ernährten Menschen³, da in Deutschland zwischen November und Februar unser Körper kein Vitamin D selbst produzieren kann; Schuld daran ist die zu flache Sonneneinstrahlung. Man nimmt dieses Vitamin zum Teil über Milchprodukte und (in pflanzlicher Nahrung) über Pilze auf, jedoch nicht in ausreichender Menge. (Fun Fact: Auch das Vitamin D in Milchprodukten entstammt oft einem Supplement, da Kühe immer weniger Zeit auf Weiden verbringen. Milchkühe erhalten Vitamin D und geben dieses durch die Milch an uns weiter.)
In Absprache mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt kann ein Nahrungsergänzungsmittel daher sinnvoll sein.

Bei Risiken und Nebenwirkungen

Die Kinderärztin oder der Kinderarzt sollte in jedem Fall als Ansprechpartner*in hinzugezogen werden. Zwar verfügen sie oft nicht über ein umfangreiches Wissen zum Thema, sie haben jedoch die Möglichkeit, Blutwerte regelmäßig zu überprüfen. Neben den genannten Vitaminen D und B12 sind vor allem die Mineralien Eisen und Calcium bei einer veganen Ernährung problematisch. Diese werden oft nicht in ausreichender Menge aufgenommen.
Um sich Hilfe und Anregung zu holen, wie man eine ausreichende Abdeckung mit den verschiedenen Vitaminen und Mineralstoffen erreichen kann, kann man eine Ernährungsberatung hinzuziehen.

(Klein-)Kinder vs Jugendliche

Die Kleinen

Bei Kleinkindern sind es in der Regel die Eltern, die entscheiden, welche Nahrung das Kind zu sich nimmt. Das Angebot bestimmt hier, was gegessen wird – und ja, es kann sein, dass eine Zweijährige sich weigert, Kuhmilch zu trinken oder ein Vierjähriger entscheidet, keine Tiere mehr zu essen! Die Entscheidung für eine vegane Lebensweise wird jedoch immer von den Eltern ausgehen.

Kind mit Schafen

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Die Großen

Bei älteren Kindern und Jugendlichen sieht das anders aus. Sie haben selbst die Möglichkeit, sich Wissen anzueignen und sich ihr eigenes Weltbild aufzubauen. Für eine gesunde Entwicklung und Beziehung zu den Eltern sollten die Eltern und andere erwachsene Bezugspersonen sie unterstützen. Gerne darf man ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen, man darf sie mit Informationen versorgen (bitte ausgewogen!) und man darf sie bitten, dass sie ihre Blutwerte regelmäßig checken lassen. Verbote und „heimlich untergemogelte“ Fleisch- oder Milchprodukte sind nicht angebracht und können das Vertrauensverhältnis nachhaltig schädigen.

Und die Praxis?

Sind Eltern, die ihre Kinder in einen veganen Kindergarten schicken, extrem? Oder extrem konsequent – konsequent in ihrer Einstellung, alles dafür zu tun, die Welt für ihre Kinder zu erhalten? Eine einfache Antwort hierzu lässt sich wohl nicht geben. Man sollte sich zumindest nicht darüber lustig machen.
Dass auch Eltern, die sich für den veganen Kindergarten entscheiden, mal inkonsequent sein können (und dürfen – wir tun alle unser bestes in einer komplexen Welt), zeigt dieses Interview mit einer Mutter. Ihr Sohn besucht den veganen Kindergarten, der jetzt im November in München eröffnet hat.

 


Anmerkungen:

1  Die Liste mit Büchern, Blogs, Filmen und Websites, die mich davon überzeugt haben, dass man sich vegan ernähren sollte, ist zu lang um hier auf sie zu verweisen. Dennoch möchte ich ein paar Printwerke anführen. Nur für die, die es interessiert:
– Duve, Karen: Anständig Essen. Ein Selbstversuch. München: Goldmann, 2012.
– Foer, Jonathan Safran: Eating animals. New York: Little, Brown and Company, 2009.
– Joy, Melanie: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Münster: compassion media, 2010.
– Sezgin, Hilal: Artgerecht ist nur die Freiheit. München: C.H. Beck, 2014.

2  Gefördert durch die Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz.

3  Menschen, die Lebensmittel aus allen Nahrungsmittelgruppen zu sich nehmen, also auch Milch, Eier, Fisch und Fleisch.


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Als Mutter einer kleinen Tochter und Redakteurin im Fachbereich Englisch der Stark Redaktion bin ich im Alltag gut beschäftigt. Wenn mir noch etwas Zeit bleibt, schreibe ich hier zu Themen, die mir am Herzen liegen.

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