Der Autorenfilmer im Mittelpunkt – Filmgeschichte (3/5)

Europäische Autorenfilmer

Noch bevor es anfing in Hollywood zu brodeln, taten sich europäische Autorenfilmer hervor. Ihnen war künstlerischer Erfolg wichtiger als kommerzieller.

Italienischer Neorealismus

Film des Neorealismus: Fahrraddiebe

Enzo Staiola in Fahrraddiebe (1948)

Im Gegensatz zu Nazideutschland hatten Filmschaffende im faschistischen Italien der 40er Jahre noch etwas künstlerische Freiheit. In diesem Umfeld entstand der Neorealismus.

Inspiriert vom poetischen Realismus Frankreichs wendeten sich italienische Filmemacher von historischen Stoffen und Romanverfilmungen ab. Sie verlagerten die Geschehnisse ins Hier und Jetzt und übten darüber hinaus dezente Kritik am Faschismus.

An vorderster Front dieser Stilrichtung steht Roberto Rossellini, der mit seiner Neorealismus-Trilogie (Rom – offene Stadt, Paisà und Deutschland im Jahre Null) den Zweiten Weltkrieg in seiner vollen Härte darstellt. Weitere wichtige Vertreter sind Vittorio De Sica (Fahrraddiebe) und Luchino Visconti (Besessenheit).

Autorenfilmer: Federico Fellini

Federico Fellini

Während der reine Neorealismus die Entfremdung des Menschen durch seine Umwelt zum Motiv nahm, handelten die Filme Michelangelo Antonionis (Die mit der Liebe spielen, Blow Up) oft von innerer Entfremdung und Zerrissenheit.

Italiens wahrscheinlich wichtigster Regisseur, Federico Fellini, wird ebenfalls teilweise dem Neorealismus zugeordnet. Mit Meisterwerken wie La Strada, La Dolce Vita und dem Film über die eigene Schaffenskrise 8½ verewigte er sich.

Nouvelle Vague

Land der Nouvelle Vague: Frankreich

Frankreich, Land der Nouvelle Vague

Auch in Frankreich stießen die vielen Buchverfilmungen auf Widerstand. Nach einem Artikel des damaligen Filmkritikers François Truffaut begann ein kleiner Kreis aus französischen Autorenfilmern, die bisherigen Regeln des Kinos gehörig aufzumischen.

Neue Filmtechniken, wie die Handkamera und lichtempfindlicheres Filmmaterial, das Drehs ohne künstliche Beleuchtung ermöglichte, spielten den Regisseuren in die Karten. Aber auch Erzählstrukturen wurden aufgebrochen und durch Effekte und Musik eine eigene, stilprägende Ästhetik geschaffen. Die wichtigsten Regisseure dieser Richtung sind Truffaut selbst (Sie küssten und sie schlugen ihn, Jules und Jim), Jean-Luc Godard (Außer Atem, Elf Uhr nachts) und Agnès Varda (Das Glück).

Neuer Deutscher Film

Auch der deutsche Film forderte nach realitätsfernen Filmen, wie Karl May-Western oder den (nach wie vor beliebten) Heimatfilmen, eine kritischere Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit, die mehr sein sollte als bloße Unterhaltung. So kam es in der Anfangszeit dieser Richtung oft zu Skandalen, als Filme kontroverse Themen wie Kriegsverbrechen (o.k.) und Diskriminierung (Jagdszenen aus Niederbayern) in die scheinbare, ländliche Idylle verlegten.

Nachdem die Akzeptanz des neuen deutschen Filmes in den 70er Jahren erreicht war, taten sich Regisseure hervor wie Rainer Werner Fassbinder (Angst essen Seele auf, Berlin Alexanderplatz), Werner Herzog (Aguirre – der Zorn Gottes, Nosferatu – Phantom der Nacht, Fitzcarraldo) und Wim Wenders (Paris, Texas).

Filmgesellschaft der DDR: DEFA

Logo der DEFA

Trotz internationaler Anerkennung blieb der Erfolg an den deutschen Kinokassen aus. Bis auf einige Ausnahmen versank der deutsche Film danach wieder in der Belanglosigkeit.

In der DDR drehte die volkseigene DEFA zahlreiche Spielfilme. Darunter auch bedeutende wie Die Legende von Paul und Paula.

Dogma 95

Eine der letzten Bewegung von Autorenfilmern ist Dogma 95, des dänischen Kollektivs um Thomas Vinterberg (Die Jagd) und Skandalregisseur Lars von Trier (Antichrist, Melancholia). In ihrem Manifest aus dem Jahre 1995 unterwarfen sie sich strengen Regeln.

Das Manifest Dogma 95

  1. Als Drehorte kommen ausschließlich Originalschauplätze in Frage, Requisiten dürfen nicht herbeigeschafft werden.
  2. Musik kann im Film vorkommen (zum Beispiel als Spiel einer Band), darf aber nicht nachträglich eingespielt werden.
  3. Zur Aufnahme dürfen ausschließlich Handkameras verwendet werden.
  4. Die Aufnahme erfolgt in Farbe, künstliche Beleuchtung ist nicht akzeptabel.
  5. Spezialeffekte und Filter sind verboten.
  6. Der Film darf keine Waffengewalt oder Morde zeigen.
  7. Zeitliche oder lokale Verfremdung ist verboten – das heißt der Film spielt hier und jetzt.
  8. Es darf sich um keinen Genrefilm handeln.
  9. Das Filmformat muss Academy 35 mm sein.
  10. Der Regisseur darf weder im Vor- noch im Abspann erwähnt werden.

Beide sind heute noch aktiv. Die Ideen von Dogma 95 haben sie aber größtenteils hinter sich gelassen.

Weitere Autorenfilmer

Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde der Schwede Ingmar Bergmann (Das siebente Siegel, Wilde Erdbeeren, Persona) als bester Regisseur aller Zeiten geehrt. Mit seinen vielschichtigen Dramen war er einer der letzten europäischen Autorenfilmer, die den Durchbruch in Amerika schafften.

Der Russe Andrei Tarkowski (Solaris, Der Spiegel, Stalker) konnte seine Filme nur gegen starken Widerstand der kommunistischen Behörden veröffentlichen. Seine traumhaft anmutende Bildsprache machte ihn im Ausland berühmt.

 

Weiterlesen (Teil 4 erscheint nächste Woche)

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Bilder: Gemeinfrei

 

Das alte und das neue Hollywood – Filmgeschichte (2/5)

Martin

Ich bin Werkstudent beim STARK Verlag. Neues lernen kann unglaublich spannend sein. Ich blogge auf schultrainer.de, um eure Neugier auf Trab zu halten.

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