Wenn Briefe dich entführen: der Briefroman

Wie wäre es, wenn du heute beginnen würdest, einen Roman zu schreiben? Nicht irgendeinen Roman, nein. Einen Roman, der aus E-mails oder Whatsapp-Nachrichten besteht. Eine vergleichbare Entscheidung hat der junge Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1774 getroffen, als er seinen Briefroman Die Leiden des jungen Werther verfasste. Mehr Informationen über das literarische Genre Briefromane und Goethes Werk erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Brief Hintergrund

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Was ist ein Briefroman?

Wie der Name Briefroman treffend zusammenfasst, bildet sich das einzelne Werk im Genre aus Briefen, die gemeinsam einen Roman ergeben. Gesteuert wird der Briefroman durch einen Herausgeber.

Offiziell und persönlich

Briefe, Mails und Whatsapp-Nachrichten werden an eine bestimmte Person adressiert mit der Absicht, Informationen mitzuteilen. Es kann sich um ein offizielles Anschreiben handeln oder eine persönliche Nachricht an einen Freund oder eine Freundin. Aus diesem Grund erzeugt der Briefroman die Fiktion, es handele sich um eine authentische Dokumentation.

alte Briefe

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Der Herausgeber besitzt die Macht

Der Erzähler verbirgt sich im Briefroman geschickt, als wäre er nicht vorhanden. Es präsentiert sich stattdessen ein Herausgeber, der die Briefe gesammelt und sie nach ihrer Reihenfolge sortiert hat. Der Herausgeber übernimmt auf diese Weise die Aufgabe des Erzählers.

Er trifft die Entscheidung, welche Briefe relevant für den Verlauf des Romans sind. Durch das Vorwort, Ergänzungen, Zusammenfassungen oder Kommentare beeinflusst er die Wahrnehmung des Lesers bzw. der Leserin. Der Herausgeber sorgt dafür, dass die Geschichte erzählt wird.

Ein Briefroman verändert Deutschland

Mit der Erhebung des Bürgertums entwickelte sich der Roman im 17. Jahrhundert zunächst in England. Das Genre bot anspruchsvolle Kunstformen sowie leichte Unterhaltungsromane. Letzere sorgten mir ihrer minderwertigen Qualität für Naserüpfen bei den gebildeten Dichtern. Umso verwunderlicher war es, dass Goethe bei seinem deutschen Werk Die Leiden des jungen Werther auf das Genre Roman zurückgriff.

Gemälde von Wilhelm Amberg

Vorlesung aus Goethes „Werther“, 1870 von Wilhelm Amberg

Drama vs. Roman

In der Literatur galt das Drama in seiner Form lange Zeit als vollkommene Kunst des Schreibens. Dennoch entschied sich der junge Johann Wolfgang von Goethe 1774 für das Romangenre.

Die Romanform ermöglicht dem Autoren und der Autorin komplexe Gemütszustände und Emotionen der Leserschaft leichter zu vermitteln. Ein geschickter Schachzug von Goethe, um das Empfinden seines Helden darzustellen.

Post für dich

Briefkasten

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Im 18. Jahrhundert erfuhr der Privatbrief seine Hochzeit. Das Individuum löste sich mithilfe des Kommunikationsmittels von den Zwängen der Gesellschaft und offenbarte sein Inneres. Ziel des Briefes war es, jemanden seine ehrlichen Meinungen und seine tiefsten Gefühle zu offenbaren.

Die Besonderheit an Die Leiden des jungen Werther ist die Tatsache, dass es keine Antworten auf die Briefe gibt. Der Leser bzw. die Leserin erhält dadurch den Eindruck, der*die adressierte Empfänger*in der Nachrichten zu sein. Er*Sie scheint somit die Position eines Freundes oder einer Freundin des Werthers einzunehmen.

Große Gefühle

Goethes Werk Die Leiden des jungen Werther ist ein klassisches Beispiel aus der Epoche Sturm und Drang. Die Subjektivität des Individuums steht im Mittelpunkt: Die Perspektive des Einzelnen auf die Welt und seine Gefühle werden dem*der Leser*in vermittelt. Durch die Briefform verstärkt Johann Wolfgang von Goethe den Effekt.

Wertung von Werthers Selbstmordes

Goethe handelte modern, da er nicht auf die bestehenden Moralvorstellungen der Gesellschaft zurückgreift. Mithilfe des Briefromans Herausgeber, den er erschaffen hat, versucht er, die Entwicklung bis hin zum Selbstmord nachzuvollziehen.

Deine Nachrichten – dein Roman

Du hast einen Chatverlauf oder eine Mail gelesen, die in deinem Kopf eine Geschichte entstehen lässt? Oder du hast die Idee zu einem Roman, der aus kleinen und großen Nachrichten besteht? Lass dich nicht aufhalten – wie du siehst, hat ein Briefroman ein Genie des 18. Jahrhunderts berühmt gemacht!

Nicole

Ich habe Theater- und Medienwissenschaft mit Germanistik als Zweitfach studiert und beginne im Herbst meinen Master. Da ich sehr gut weiß, wie schwierig Entscheidungen nach dem Abitur sein können, blogge ich am liebsten über Möglichkeiten nach dem Schulabschluss.

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