Neue Sachlichkeit: Literatur der Weimarer Republik

Der Erste Weltkrieg war vorbei. Das Kaiserreich hatte sein Ende gefunden und die Weimarer Republik begann. Mit diesen Wandel versuchten die Menschen in der Kunst und in der Literatur auf unterschiedliche Art umzugehen. Die Epoche Neue Sachlichkeit war wie der Expressionismus ein Weg dieses Versuches.

Mehr zur Neuen Sachlichkeit, ihrer Literatur und bedeutenden Autoren erfährst du in diesem Beitrag.

Alte Radiogeräte

Radio und andere Medien wie Zeitungen und Zeitschriften prägten das literarische Leben ab 1920.

Zerrissenheit und Schwellenzeit-Gefühl

Nach dem Ersten Weltkrieg befand sich die Politik in einer Krise. Das Kaiserreich wurde von einem demokratischen System – der Weimarer Republik – abgelöst. Diese fand nicht auf allen Seiten Zustimmung. Die Reparationsforderungen, die Gebietsverluste und die Kriegsschuld, die Deutschland alleine trug, belasteten die neue politische Situation. Zugleich kämpften die Menschen mit den grausamen Erfahrungen der Kriegsjahre.

Auf der anderen Seite entstand eine neue Offenheit und Vielfalt. Nach Überwindung der ersten Krisenjahre brachen die Goldenen Zwanziger (Roaring Twenties) an. Sie standen für den wirtschaftlichen Aufschwung und für eine neue Blütezeit der deutschen Wissenschaft und Kunst von 1924 bis 1929.

Die Weimarer Republik

Ausruf der Weimarer Republik

Ausruf der Weimarer Republik am 9.11.1918

Die Weimarer Republik existierte von 1918 bis 1933. Sie begann mit dem Ausruf der Deutschen Republik am 9. November 1918 durch Philipp Scheidemann. Drei Monate später fanden die ersten freien Wahlen statt.

Die nächsten Jahre kämpfte sich die Regierung durch die verschiedensten Krisen. Die Parteien blockierten sich gegenseitig, weshalb 1930 die letzte demokratische Regierung am Zug war. Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Spätestens ab diesen Zeitpunkt war die Demokratie endgültig Geschichte.

Ausführliche Informationen zu dieser Zeit findest du in unserem Beitrag Entstehen und Scheitern der Weimarer Republik.

Die Literatur der Weimarer Republik

Die Roaring Twenties prägten die kulturellen Erzeugnisse dieser Zeit. Autorinnen und Autoren professionalisierten sich, während immer mehr Schriftstellerverbände entstanden.

Roaring Twenties, Goldene Zwanziger

Illustration der “Goldenen Zwanziger”

Zeitgleich erfuhr die Romankunst einen Höhepunkt, nachdem sie in der Romantik und im Realismus bereits florierte. Viele historische und zeitgeschichtliche Romane sowie Biografien über Künstler*innen entstanden.

Was kennzeichnet die Neue Sachlichkeit Literatur?

Die Zeit der Neuen Sachlichkeit lässt sich auf ca. 1920 bis 1933 datieren. Sie ist eine von vielen Strömungen, die die Jahre rund um die Weimarer Republik prägten. Die Bezeichnung Neue Sachlichkeit stammt aus der Kunstkritik von C.F. Hartlaub. Desillusionierung und Nüchternheit stehen im Zentrum dieser Literaturepoche.

Großstadt, Industrie und Nachkriegsjahre

Im Mittelpunkt stehen die aktuellen Verhältnisse – die Realität der wirtschaftlichen und sozialen Situation. Dazu zählen die Massenindustrie, das Leben in der Großstadt und die Verarbeitung der Kriegserfahrungen. Man thematisierte die Probleme der “kleinen Leute” und ihr Alltagsleben.

Massenmedien und Medienvielfalt

Nach dem Krieg erfuhren die Medien einen schnellen Aufschwung und es entwickelte sich in kurzer Zeit eine Massenkultur. Die durch den Krieg an Unterhaltung ausgehungerte Gesellschaft verlangte nach Filmen, Hörfunk, Zeitungen und Zeitschriften. Durch Formate wie das Hörspiel entstand ein neuer Autorentyp, der Lohnschreiber. Journalistische Gebrauchsliteratur, wie die Reportage, der Bericht oder der Feuilleton, stellten die Verdienstquellen der Lohnschreiber dar.

Gegen den Expressionismus

Die Neue Sachlichkeit grenzt sich bewusst vom Expressionismus ab. Sie gibt sich nüchtern und objektiv, wobei sie sich auf Tatsachen konzentriert. Emotionen und Erlebnisse werden in den Hintergrund gedrängt. Der Inhalt ist wichtiger als die Form. Die Sprache ist kühl-distanziert, dabei einfach und verständlich. So erreichten die Autorinnen und Autoren der Neuen Sachlichkeit Lesernähe und damit die Masse der Bürger*innen.

Literarische Formen der Neuen Sachlichkeit

Gesellschaftsromane, Zeitromane und Großstadtromane prägten die Epik der Neuen Sachlichkeit. Die sogenannte Gebrauchslyrik erreichte ihre Leser*innen mit einfacher Sprache und Inhalten der Gegenwart. Durch Reportagen, Feuilltons und Berichte schufen die Künstler*innen eine Art dokumentarischer Gebrauchsliteratur. Sie bot einen sachlichen Blick auf das Realitätsgeschehen.

Röhrenradio

Massenmedium “Radio”

Im Bereich der Dramatik waren Zeit- und Volksstücke gefragt, gleichzeitig brach die Zeit des epischen Theaters an. Als neue großstädtische Unterhaltungsform entwickelte sich das Kabarett. Das Radio als das Massenmedium der Weimarer Republik brachte Formate wie das Hörspiel hervor.

Wichtige Schriftsteller der Neue Sachlichkeit Epoche

Die Zeit brachte wichtige Schriftsteller hervor, die bis heute nicht an Bedeutung verloren haben. Unter ihnen tummeln sich Berthold Brecht, Alfred Döblin, Erich Kästner und Kurt Tucholsky. Sie verfassten überwiegend Prosa. Die Meisten von ihnen beschäftigen sich mit dem Ersten Weltkrieg, setzten sich mit den neuen Medien auseinander und litten unter dem Nationalsozialismus.

Berthold Brecht

Der Autor lebte von 1898 bis 1956. Von ihn stammen viele relevante Werke der Neuen Sachlichkeit. Einige von ihnen findest du weiter unten in diesem Beitrag aufgeführt. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, floh er ins Exil in die USA. Dort entstanden seine berühmtesten Theaterstücke.

Später spielte Brecht in der Literatur der DDR ebenfalls eine tragende Rolle. Mit seinem epischen Theater beeinflusst er bis heute die Theaterwissenschaft.

Alfred Döblin

Alfred Döblin wurd im Jahr 1878 geboren und starb 1957. Er studierte in Freiburg Medizin und wurde Kriegsarzt. Diese Erfahrungen prägten seine Werke. Sein Roman “Berlin Alexanderplatz” (1929) gilt als der erste deutsche Großstadtroman. Wie Brecht ging er 1933 ins Exil.

Erich Kästner

Erich Kästner, 1930

Erich Kästner, Aufnahme um ca. 1930

Kästner kam 1899 in Dresden zur Welt und starb 1974 in München. Der Schriftsteller ist bis heute vor allem durch seine Kinderbücher bekannt:

  • Emil und die Detektive (1929)
  • Pünktchen und Anton (1931)
  • Das fliegende Klassenzimmer (1933)

Seine Bücher fielen unter dem Nationalsozialismus der Bücherverbrennung 1933 zum Opfer. Er reagierte mit innerer Emigration und schrieb nur noch leichte Literatur zur Unterhaltung. Nach dem Krieg widmete er sich dem Kabarett und Hörfunk.

Kurt Tucholsky

Tucholsky wurde 1890 in Berlin geboren und nahm sich 1935 das Leben. Er brachte links-liberale Zeitschriften heraus, schrieb zeitkritisch und unterhaltsam. Tucholsky betrachtete die Missstände von innen und außen. Schlussendlich wurden seine Werke in Deutschland verboten und er erkrankte schwer. Einer seiner größten Erfolge war Schloss Gripsholm.

Stefan Zweig

Schachnovelle Erstausgabe

“Schachnovelle” von Stefan Zweig

Der Autor lebte von 1881 bis 1942. Er stammte aus einer jüdischen Familie, reiste viel und versuchte, mit seinen Werken die Politik zu beeinflussen.

Er floh ins Exil und verarbeitete das grausame Verhalten der Nazis in der Schachnovelle (1941). Am Ende nahm er sich zusammen mit seiner Frau in Brasilien das Leben.

Bekannte Werke der Neuen Sachlichkeit

  • Dreigroschenoper (1928): Das Stück beruht auf einem Song und übt Kritik am Kapitalismus. Es stammt aus der Feder von Berthold Brecht.
  • Im Westen nichts Neues (1929): Das Buch galt als DER deutsche Antikriegsroman. Geschrieben wurde der Roman von Erich Maria Remarque.
  • Mutter Courage und ihre Kinder (1941): Das Theaterstück spielt im 30-jährigen Krieg, reflektiert jedoch das Verhalten der Deutschen während des Nationalsozialismus.
  • Leben des Galilei (1943): Wie das Werk zuvor stammt es von Berthold Brecht. Der Autor setzt sich in diesem Text mit der Entwicklung der Atombombe auseinander.
  • Der gute Mensch von Sezuan (1943): Das ebenfalls von Brecht stammende Werk handelt von den Gegensätzen zwischen Wirtschaft und Moral.
  • Berlin Alexanderplatz (1929): Im Mittelpunkt des Großstadtromans steht ein Transportarbeiter, der auf die schiefe Bahn gerät. Alfred Döblin arbeitet wie bei einer Montage mit unterschiedlichen Sprachebenen und reiht die Szenen aneinander. Dazwischen unterbrechen Kommentare.
  • Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906): Es war der erste Roman vom studierten Maschinenbauer Robert Musil, der ein voller Erfolg war.

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Nicole

Ich habe Theater- und Medienwissenschaft mit Germanistik als Zweitfach in Erlangen studiert und bin nun für den Master in Tübingen gelandet. Da ich sehr gut weiß, wie schwierig Entscheidungen nach dem Abitur sein können, blogge ich am liebsten über Möglichkeiten nach dem Schulabschluss.

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