Naturalismus und Gegenströmungen: Literatur um 1900

Zur Jahrhundertwende um 1900 existierten in Deutschland zahlreiche literarische Strömungen und Epochen parallel oder überschnitten sich. Sie beeinflussten sich gegenseitig, schöpften aus der Vergangenheit und legten Grundsteine für neue Formen der Literatur. In diesem Beitrag stellen wir dir drei wichtige Strömungen vor: Die Epoche des Naturalismus, den Impressionismus und den Symbolismus.

Ausgangslage um 1900

Lorgnette aus dem 19. Jahrhundert

Um 1900 befand sich die Gesellschaft im Umbruch.

Deutschland war zu dieser Zeit vom Militarismus und Kolonalismus geprägt. Es herrschten klare Hierarchien, Uniformen prägten die Kleidung der Menschen. Zeitgleich brachte die Industrialisierung den lang ersehnten Reichtum – zumindest für einen Teil der Gesellschaft (Besitzbürgertum).

Neue Erkenntnisse der Wissenschaft sorgten für Aufregung und Umdenken. Darunter waren zum Beispiel die Quantentheorie von Max Planck (1901) und die Relativitätstheorie von Albert Einstein (1905, 1916). Der Sozialdarwinismus und die Entstehung der Psychoanalyse prägten den Wandel.

In der Kunst interessierten sich die Menschen für den Historismus. Alte Stilelemente waren wieder in Mode. Dem entgegengesetzt entstand der Jugendstil mit schwungvollen Linien und floralen Ornamenten. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen entstanden der Naturalismus und dessen Gegenströmungen Impressionismus und Symbolismus.

Die Naturalismus-Epoche ab ca. 1890

Die Epoche des Naturalismus lässt sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts einordnen. Sie entstand als spezifische und verstärkte Form aus dem Realismus heraus, wobei Fakten und das Äußere im naturalistischen Fokus standen.

Merkmale des Naturalismus

Die Autorinnen und Autoren der Epoche versuchten ein direktes Abbild der Realität zu erschaffen. Sie handelten nach der Formel Kunst = Natur – x. Der Buchstabe X ist die Perspektive und die Unvollkommenheit der Künstlerin bzw. des Künstlers.

Bonn um 1900

Bonn um 1900

Gegenstand der Abbildung wurde das Milieu. Die Autorinnen und Autoren versuchen in ihren Darstellungen die soziale, alltägliche und politische Wirklichkeit zu erfassen. Hässliches, Krankheit, Elend und Leid wurde bewusst wahrgenommen und verarbeitet. Dabei kristallisierte sich die Großstadt als lebensfeindlicher Ort heraus. Die Literatur äußerte sich sozialkritisch und antibürgerlich.

Die Naturalisten versuchten unter der Bezeichnung Sekundenstil jedes Detail zu erfassen. Aus diesem Grund gewannen Dialekte und Umgangssprache in der Literatur an Bedeutung.

Wichtiger Autor des Naturalismus

Gerhart Hauptmann, Vertreter des Naturalismus

Gerhart Hauptmann

Einer der wichtigsten Vertreter der Epoche ist Gerhart Hauptmann, der von 1862 bis 1946 lebte. Er war als Bildhauer und Landwirt tätig. Später heiratete Hauptmann die wohlhabende Marie Thinemann, die ihn das Leben eines freien Schriftstellers finanziell ermöglichte.

Seine Texte wirkten sozialkritisch und links. Gerhart Hauptmann erhielt 1912 den Nobelpreis für Literatur. Zu seinen bedeutenden Werken zählen:

  • Vor Sonnenaufgang (1889)
  • Die Weber (1893)

Impressionismus und Symbolismus als Gegenströmungen

Während der Naturalismus sich auf das Äußere fixierte, beachteten der Impressionismus und der Symbolismus vor allem das Innere. Beide Strömungen weisen jedoch starke Ähnlichkeiten auf. Ihre Zentren befanden sich in Wien und München. Grundlagen für die Literatur und Kunst legten der Physiker Ernst Mach und der Psychologe Sigmund Freud.

Impressionismus

Die Vertreter*inne des Impressionismus interessierten sich detailliert für die Wahrnehmung des Individuums. In ihren Werken trafen zum Teil viele verschiedene Eindrücke aufeinander. Handlungen, Geschichte und das Soziale verloren komplett an Bedeutung. Anders als der Naturalismus übte diese Strömung keine direkte Kritik am System oder der Gesellschaft.

Symbolismus

Der Symbolismus entstand Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich mit der Idee I’art pour I’art (übersetzt: Kunst um der Kunst willen). Die künstlerische Strömung schöpfte Inspiration aus der Romantik und stürzte sich in eine Idealwelt, die im krassen Gegensatz zur Realität stand. Wie der Name verrät, wurde diese ideale Welt symbolisch aufgeladen.

Weitere Strömungen und Begriffe

  • Neuromantik bzw. Neoromantik
  • Jugendstil
  • Fin de siècle
  • Décadence

Wichtige Vertreter des Impressionismus und Symbolismus

Autoren des Impressionismus und Symbolismus

Von links nach rechts: Christian Morgenstern, Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke

Nicht nur in der Kunst entstanden viele wichtige Werke um die Zeit 1900. Impressionismus und Symbolismus brachten viele bekannte Schriftsteller hervor.

Stefan George

Der Autor lebte von 1868 bis 1933. Er wurde entweder gehasst oder geliebt. Da er ein Weingut erbte, war er finanziell unabhängig. Er sah sich als Lehrmeister der Dichtung und vertrat die Ideen des Symbolismus.

Hugo von Hofmannsthal

Der junge Hofmannsthal übte sich schon früh im Schreiben von Gedichten. Er veröffentlichte bereits während seiner Schulzeit Gedichte und war Teil des Jungen Wiens. 1901 schmiss er die Uni zugunsten der Schriftstellerei, um sich dieser vollständig zu widmen. Der Stil seiner Werke wandelte sich vom Einfluss der Romantik hin zum Jugendstil und der Antike.

  • Elektra (1908)
  • Ariadne auf Naxos (1912)
  • Der Rosenkavalier (1911)
  • Jedermann (1911)

Christian Morgenstern

Christian Morgenstern wurde 1871 in eine Familie von Landschaftsmalern geboren. Er verdiente sich als Journalist und freier Autor seinen Lebensunterhalt, nachdem er sein Studium abgebrochen hatte. Er liebte es, in seinen Texten mit der Sprache zu spielen.

Bereits in jungen Jahren litt er an Tuberkulose und verbrachte viel Zeit an Kurorten. 1914 starb er. Die folgenden Werke machten ihn bekannt:

  • Galgenlieder (1905/08)
  • Palmström-Gedicht (1910/12)

Friedrich Nietzsche

Der deutsche Philologe kam 1844 zur Welt und starb 1900. Nietzsche war Professor der Klassischen Philologie in Basel. Zu Beginn vertrat er überzeugt den Nihilismus (Sinnlosigkeit der Welt). Später kritisierte er vor allem Religion und Metaphysik, die vornehmlich nur an Macht interessiert seien.

  • Die fröhliche Wissenschaft (1882)
  • Also sprach Zarathustra (1883-85)
  • Jenseits von Gut und Böse (1886)

Rainer Maria Rilke

Der Schriftsteller lebte von 1875 bis 1926. Rilke führte ein unstetes Leben, nachdem er die Militärschule besucht und sein Studium abgebrochen hatte. Der Lyriker schrieb tiefsinnig über Sehnsucht, über Beobachtungen des Bewusstseins, Angst und Einsamkeit.

Rainer Maria Rilke schrieb lediglich einen Roman, der ihm den Durchbruch verschaffte. Ansonsten widmete er sich dem Schreiben von Gedichten. Eines seiner bekanntesten Werke ist das Dinggedicht “Der Panther”.

  • Stunden-Buch (1905)
  • Neuen Gedichte (1907)
  • Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910)
  • Duineser Elegien (1923)
  • Sonette an Orpheus (1923)

Arthur Schnitzler

Schnitzler kam 1862 als Sohn eines jüdischen Mediziners zur Welt. Später wurde er selbst Arzt. Beeinflusst von vom Psychologen Sigmund Freud beschäftigte er sich viel mit den inneren Vorgängen, wie Träume, Wünsche und Verdrängung. Seine Darstellungen erfolgten teilweise über lange innere Monologe.

Schnitzler’s Dramen reflektierten ehrlich und offen die sexuelle Doppelmoral der Gesellschaft, den Antisemitismus und die negativen Seiten des Großstadtmilieus. Dies führte dazu, dass die Aufführungen teilweise verboten wurden. Im Jahr 1931 verstarb Arthur Schnitzler in seiner Geburtsstadt Wien.

  • Traumnovelle (1925)
  • Lieutenant Gustl (1900)
  • Reigen (1903)
  • Professor Bernahrdi (1912)

Robert Walser

Robert Walser stammt aus der Schweiz, zog 1905 jedoch zum Schreiben nach Berlin. Seine Romane waren überwiegend autobiografisch, hatten aber kaum Erfolg. Aus diesem Grund schrieb er nebenher für Zeitschriften und Zeitungen. 1929 ging er in eine Heilanstalt, in der er 1956 verstarb.

  • Der Gehülfe (1908)

Mehr zu den literarischen Strömungen und Epochen erfährst du unserem Lektüretipp Deutsch-KOMPAKT – Literaturgeschichte.

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Nicole

Ich habe Theater- und Medienwissenschaft mit Germanistik als Zweitfach in Erlangen studiert und bin nun für den Master in Tübingen gelandet. Da ich sehr gut weiß, wie schwierig Entscheidungen nach dem Abitur sein können, blogge ich am liebsten über Möglichkeiten nach dem Schulabschluss.

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