Literatur des Realismus: Wirklichkeit und Rückzug

Im Jahr 1848 begann die Epoche des Realismus. Nach den Anfängen in der Aufklärung behauptete sich das Bürgertum endgültig als führende Schicht gegen den Adel. Bildung und Literatur wurden im Realismus zunehmend wichtiger. Das wiederum war möglich durch die Industrialisierung, die das Bild der Landschaft und des Lebens in Deutschland nachhaltig veränderte.

Mehr zur Literatur des Realismus, ihren Merkmalen, bekanntesten Werken sowie Autoren, erfährst du in diesem Beitrag.

Wann fand die Literaturepoche Realismus in Deutschland statt?

Industrialisierung als Thema des Realismus

In der Literatur des Realismus lag der Fokus auf der Lebenswirklichkeit des Bürgertums.

Der Zeitrahmen der Literaturepoche erstreckt sich von 1848 bis in die 1880er Jahre. Der Realismus entstand gegensätzlich zur Romantik, die sich in Sehnsucht und Träumen verlor. Die Epoche des Realismus hingegen konzentrierte sich auf die Wirklichkeit. Die Antike verlor ihre Vorbildfunktion, die sie zur Zeit der Klassik noch besaß.

Nach den Anfängen während der Aufklärung setzte sich die Literatur endgültig im Bürgertum durch. Zeitgleich zogen sich die Menschen im Realismus vergleichbar wie zur Zeit des Biedermeier zurück.

Welche Merkmale sind kennzeichnend für die Literatur des Realismus?

Die Literatur des Realismus beschäftigt sich mit der Wirklichkeit. Wie sieht die Lebenswelt der Menschen aus? Was ist das Ideal dieser Wirklichkeit? Im Mittelpunkt dieser Wirklichkeit steht das Bürgertum. Dabei werden auf der einen Seite die bürgerlichen Tugenden in der Epoche thematisiert:

  • Fleiß
  • Ordnung
  • Pflichterfüllung
  • Entsagung
  • Pragmatik
  • Realitätssinn

Auf der anderen Seite stehen in den Beschreibungen Stadt, Industrie, Technik und Verkehr im Vordergrund. Wie in der Epoche der Aufklärung wird das Verhältnis zu den anderen Schichten, wie zum Beispiel dem Adel, angesprochen und aufgearbeitet.

Historisch, national, real – der Realismus in Deutschland

Während historische Motive zur Darstellung von bürgerlichen Normen genutzt wurden, erfuhr die Nationalliteratur einen Aufschwung. Die Klassiker von Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller fanden erneut Gehör in der Epoche des Realismus. Mithilfe von Heimat- und Mundartdichtung beschäftigten sich die Schriftsteller*innen unter anderem mit dem Glauben und den Religionen.

Die bevorzugten Gattungen waren der Roman, die Novelle und bei Dramen das bürgerliche Trauerspiel. In der Dichtung dominierte die Erlebnislyrik. Der Schreibstil ist oftmals neutral. Die Handlung ist in den meisten Fällen geschlossen und weist zahlreiche symbolische Hinweise und Leitmotive auf.

Literatur für alle

Industrialisierung in Deutschland

Erst durch die Industrialisierung konnte sich der deutsche Buchmarkt weiterentwickeln.

Durch die Industrialisierung konnte sich der Büchermarkt, der während der Aufklärung entstand, weiter entwickeln. Man bediente damit die steigende Nachfrage der immer größer werdenden Leserschaft. Es wurde einfacher, Papier herzustellen, zu drucken und zu transportieren. Daraus resultierend entstanden neue Zeitschriften und Zeitungen.

Die Menschen dieser Zeit lechzten nach Unterhaltungsliteratur. Sie wollten durch das Lesen in andere Ländern reisen und wilde Abenteuer erleben.

Wer waren wichtige Autoren des Realismus?

Die folgenden Autoren des 18. Jahrhunderts sind die Vertreter des Realismus, die bis heute unser Verständnis der Epoche und unter anderem den Kanon der damaligen Literatur bilden.

Max und Moritz

Wilhelm Busch erschuf die wohl bekanntesten Lausbuben: Max und Moritz.

Wilhelm Busch (1832-1908)

Er rückte durch pikante Ironie mithilfe von Knittelversen und Zeichnungen in den Fokus. Bekannte Werke von ihm sind Max und Moritz sowie Hans Huckebein.

Friedrich Hebbel (1813-1863)

Hebbel war einer der tonangebenden Dramatiker des Realismus. In seinen Dramen trafen oftmals Frauen auf egozentrische, bösartige Männer, um schlussendlich zu scheitern – wie in Maria Magdalena. Er verarbeitete soziale, philosophische und historische Elemente.

Theodor Fontane (1819-1898)

Theodor Fontane, Autor des Realismus

Theodor Fontane

Nach seiner Apothekerlehre schrieb Fontane unterschiedliche Texte. Seinen Durchbruch als Schriftsteller hatte er jedoch erst mit 60 Jahren. Theodor Fontane veröffentlichte Romane und Novellen, in denen er die Missstände der Gesellschaft verarbeitete.

Im Mittelpunkt seiner Werke stehen oftmals Frauen, die Opfer einer von Männer dominierten Welt sind. Effi Briest ist ein Beispiel dafür.

Gottfried Keller (1819-1890)

Keller kam aus ärmlichen Verhältnissen, konnte sich aber aufgrund eines Stipendiums das Studium finanzieren. Er schrieb Gedichte, Bildungsromane und Novellen. Bis heute ist vor allem Romeo und Julia auf dem Dorfe bekannt.

Theodor Storm (1817-1888)

Der Autor studierte Jura und sah sich als Lyriker, obwohl seine bekanntesten Werke Novellen sind. Theodor Storm thematisierte die stärker werdende Anonymität in der Gesellschaft, wobei er dem Aberglauben und dem Patriarchalismus positiv gegenüber stand. Dies spiegelt sich in seinem Werk Der Schimmelreiter wieder.

Kennst du diese Werke des Realismus?

In den folgenden Werken spiegelt sich der Realismus in all seinen Facetten. Sie sind prägende Beispiele der Literaturepoche, die dir im Deutsch-Unterricht sicher mal begegnen.

Maria Magdalena

Friedrich Hebbel kritisierte 1843 mit diesem bürgerlichen Trauerspiel die bürgerlichen Werte, die das Individuum im Einzelfall in die ausweglose Verzweiflung treiben können. In Hebbels Drama ist es die schwangere Klara, die vom ihrem Liebhaber verlassen wird.

Ihre Jugendliebe verstößt sie, weil das Kind nicht vom ihm ist. Der Vater droht ihr, dass Klara auf keinen Fall Schande über die Familie bringen dürfe. Daraufhin ertränkt sich Klara im Brunnen.

Effi Briest

Die kindliche Effi wird von ihrer Mutter mit dem 20 Jahre älteren Baron zwangsverheiratet. Sie bekommt eine Tochter von ihm. Der Baron vernachlässigt seine junge Ehefrau, die aus Langeweile und Verzweiflung eine Affäre mit Major Crampas beginnt.

Als der Baron Jahre später hinter das Verhältnis kommt, erschießt er Major Crampas im Duell. Effi wird verstoßen und ihre Tochter ihr genommen. Kurz darauf verstirbt Effi im jungen Alter.

Der Roman übt Kritik an dem strengen Ehrenkodex, der am Beispiel von Effi Briest jeglicher Vernunft widerspricht. Zudem weist er auf, dass wahre Liebe keine Möglichkeiten in einer solchen Gesellschaft erhält. Theodor Fontane veröffentlichte den Roman 1895.

Romeo und Julia auf dem Dorfe

Bei Romeo und Julia auf dem Dorfe handelt es sich um eine Novelle von Gottfried Keller, der sie in einem Zyklus mit anderen Novellen 1856 veröffentlichte. Der für den Realismus typische Text hinterfragt die bürgerliche Ansicht, dass im Besitz und in der Anerkennung Sicherheit liegt.

Zwei sture Bauern streiten sich um ein Grundstück, das ihnen nicht gehört. Darunter leiden ihre Kinder Vrenchen und Sali, die sich lieben. Da ihre Liebe unmöglich scheint, verbringen sie einen perfekten Tag miteinander und nehmen sich anschließend ihr Leben.

Der Schimmelreiter

Schimmelreiter im Sturm

Darstellung des Schimmelreiters

Theodor Storm veröffentlichte Der Schimmelreiter im Jahr 1888. Ein Dorfschullehrer klärt in dem Text über den Ursprung einer unheimlichen Volkssage auf.

Es geht um den Schimmelreiter, der die Deiche bei Stürmen schützt. In der doppelten Rahmenerzählung erfährt der*die Leser*in mehr über Hauke Haien, der zum Deichgrafen wird.

Er widersetzt sich allen Widerständen im Dorf und trotzt dem Aberglauben. Als seine Pläne sich aufgrund seiner Gegner ändern, bricht der Deich ein. Er, seine geistig behinderte Tochter und seine Frau sterben.


Eine Übersicht über den Realismus und alle weiteren Literaturepochen findest du in Literaturgeschichte Deutsch-KOMPAKT. Das kleine Büchlein fasst alle wichtigen Merkmale, Werke und Autorinnen bzw. Autoren der Literaturepoche zusammen.

Für kurz vor der Prüfung eignet sich das Deutsch – auf einen Blick! Epochen der deutschen Literatur.


Weitere Literaturepochen findest du übersichtlich erklärt hier:

Nicole

Ich habe Theater- und Medienwissenschaft mit Germanistik als Zweitfach in Erlangen studiert und bin nun für den Master in Tübingen gelandet. Da ich sehr gut weiß, wie schwierig Entscheidungen nach dem Abitur sein können, blogge ich am liebsten über Möglichkeiten nach dem Schulabschluss.

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