Kognitionswissenschaft studieren – ein Erfahrungsbericht

Du würdest am liebsten Psychologie, Philosophie, Informatik, Neurowissenschaften und irgendetwas mit Linguistik studieren? Wir haben eine gute Nachricht für dich: Du musst dich nicht entscheiden! Der Studiengang Kognitionswissenschaft vereint all diese Forschungsgebiete.

Wir haben uns mit Sophie getroffen, die im fünften Semester Kognitionswissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen studiert. In unserem Interview gibt sie Tipps zur Studienwahl und erzählt von ihrem Bachelor-Studium in Tübingen.

Neurowissenschaft

Kognitionswissenschaft: Die Erforschung von Wahrnehmungsprozessen

Wie wurdest du auf den Studiengang Kognitionswissenschaft aufmerksam?

Sophie

Sophie, Studentin der Kognitionswissenschaft © Foto: privat

Ich habe eine interessante Serie gesehen, in der es um neurowissenschaftliches Forschen ging. Daraufhin habe ich mich informiert, wie ich Neurowissenschaften studieren könnte.

In Deutschland gibt es leider sehr wenig Bachelor-Optionen. Also habe ich nach dem Master Neurowissenschaften geschaut und überprüft, welchen Bachelorabschluss man alternativ für das Master-Studium machen kann. So wurde ich auf die Kognitionswissenschaft aufmerksam, die alles vereint, was mich interessiert.

Ich kann euch nur empfehlen: Wenn ihr wisst, dass ihr Bachelor und Master machen wollt, informiert euch über Beides! Oder wenn ihr die Richtung wisst, in die es gehen soll, einfach mal umgekehrt beim Job anzufangen, dann zum Master und dann zum Bachelor zu gehen und zu recherchieren.

Womit beschäftigt sich die Kognitionswissenschaft?

Die Kognitionswissenschaft ist eine interdisziplinäre Wissenschaft. Das bedeutet, dass sie viele Forschungsfelder vereint. Generell beschäftigt sie sich mit Wahrnehmungsprozessen und versucht zu verstehen, wie der Mensch denkt. Diesem Themengebiet nähert sie sich mit Hilfe fünf verschiedener Disziplinen an.

  • Die Informatik beschäftigt sich mit dem aktuellen Forschungsstand der Übersetzung von Computerprogrammen. Dabei wird zum Beispiel künstliche Intelligenz (KI) untersucht.
  • Dann gibt es die Linguistik, bei der man lernt, wie Sprache entsteht und wie sie uns und unsere Gedanken beeinflusst.
  • Die Psychologie versucht zu verstehen, wie uns Emotionen, Persönlichkeit und Beziehungen als Wesen und wie sie unsere Denkprozesse prägen.
  • Die Neurowissenschaft versucht all das auf biologischer, zellulärer Ebene zu erklären. Sie beschäftigt sich viel mit der Gehirnanatomie.
  • Die Philosophie betrachtet das Ganze auf einer theoretischen Ebene und befasst sich zum Beispiel mit dem Begriff der Ethik: Warum halten wir Regeln ein? Welche Gedanken gibt uns die Gesellschaft vor?

Wo lag der Numerus Clausus bei deiner Bewerbung?

Der Numerus Clausus lag in unserem Jahrgang bei 1,7. Man bekam aber auch mit einem schlechteren Notendurchschnitt einen Platz, wenn man sich außerschulisch engagiert hat (Ehrenämter, Jugend forscht etc.). Bewerbt euch, auch wenn der Schnitt erstmal abschreckend wirkt!

Wie sehen Praxisphasen und Experimente der Kognitionswissenschaft aus?

Das kommt auf das Forschungsfeld an. Bei der Informatik gibt es viele Studien mit Eye-tracking sowie VR-Brillen, Robotern und Kameras.

Künstliche Intelligenz, Bestandteil der Kognitionswissenschaft

Künstliche Intelligenz (KI)

In der Psychologie gibt es keine Grenzen: Es gibt Studien mit Menschen oder Tieren; Studien im Feld (also in der realen Welt); Studien im Labor; Fragebögen; Computerstudien sowie klinische Studien mit Bildgebungsverfahren, um sich Prozesse im Gehirn anzuschauen.

Zwar ist bei uns kein Praxissemester vorgesehen, aber man kann tolle Praktika in der Forschung oder Wirtschaft machen – wie in der Automobilindustrie.

Studium versus Freizeit: Wie stressig ist dein Studium?

Wer ein einfaches, entspanntes Studium will, ist bei der Kognitionswissenschaft nicht richtig. Die ersten drei Semester, hat man wöchentliche Übungsabgaben in Informatik und Mathe, die viel Zeit beanspruchen.

Später hat man in vielen Vorlesungen wöchentlich Forschungsarbeiten zu lesen oder Übungen zu bearbeiten. Ein Übungsblatt dauert in der Regel fünf bis zehn Stunden, wenn man alles richtig haben möchte. Häufig muss man mindestens 50% der Punkte erreichen, um an der Klausur am Ende teilnehmen zu dürfen.

Nichtsdestotrotz, hat man freie Zeit für Sport und Soziales Engagement, was ich sehr empfehlen würde. Dadurch kommt man mit Leuten aus anderen Studiengängen in Kontakt und hat weniger Zeit, sich verrückt zu machen. Denn in der Kognitionswissenschaft findet sich immer etwas, dass man für die Uni machen kann.

Kannst du das Studium Kognitionswissenschaft weiterempfehlen?

Ich kann ganz klar eine Empfehlung aussprechen, wenn euch viele Themengebiete gleichzeitig interessieren. Wenn ihr eine generelle Vorstellung von Denkprozessen aus verschiedenen Perspektiven kennen lernen wollt, kommt nach Tübingen an die Universität!

Die Lerninhalte sind vielfältig und super spannend. Man kann schon während des Studiums ab dem vierten Semester einen individuellen Schwerpunkt festlegen. Außerdem könnt ihr mit diesem Bachelor die verschiedensten Master in ganz Europa studieren.

Wo siehst du dich in der Zukunft beruflich?

Das ist eine gute Frage. Da die Kognitionswissenschaft extrem viele Forschungsfelder und Wirtschaftsalternativen bietet, fällt mir die Entscheidung schwer. Trotzdem interessiert mich die Neurowissenschaft immer noch am meisten.

Das Schöne an der Kognitionswissenschaft ist, dass ihr euch nicht sofort festlegen müsst. Ihr könnt nach dem Studium in einem großen Konzern, als Berater oder in einem Labor arbeiten.

Bereust du rückblickend eine deiner Entscheidungen?

Was die wenigsten sagen, ist, wie hilfreich Modulhandbücher von Universitäten sein können. Jeder Studiengang hat solches Handbuch, indem detailliert beschrieben wird, welche Veranstaltungen man hören kann und welche man hören muss.

Ich bereue, das nicht gewusst und deswegen nicht vor meinem Studienbeginn nachgelesen zu haben. Dann wäre ich nicht so geschockt gewesen von dem großen Mathe- und Informatikanteil in den ersten drei Semestern. Es hat total viel Spaß gemacht, dennoch war es ein Schock.

Wie geht es bei dir weiter?

Ich beende mein Studium voraussichtlich nächstes Semester in der Regelstudienzeit von sechs Semestern. Ich habe mich nicht von meinen Ziel abbringen lassen und werde Neurowissenschaften im Master studieren.

Und dann mal schauen, ob ich nach der Uni promovieren oder arbeiten werde – aber das dauert noch eine Weile.


Einen zusammenfassenden Beitrag zum Thema Kognitionswissenschaft findest du hier.

Nicole

Ich habe Theater- und Medienwissenschaft mit Germanistik als Zweitfach in Erlangen studiert und bin nun für den Master in Tübingen gelandet. Da ich sehr gut weiß, wie schwierig Entscheidungen nach dem Abitur sein können, blogge ich am liebsten über Möglichkeiten nach dem Schulabschluss.

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