Interview: Bauingenieurwesen studieren

Du liebst es zu konzipieren und zu planen? Konstruieren, Berechnen und Herstellen sind für dich die Herausforderung, die du suchst? Du möchtest Bauten des Hoch- und Tiefbaus, im Verkehr und im Wasserbau mitgestalten? Der Studiengang sollte zudem praxisbezogen sein? Dann ist das Studium zur Bauingenieurin bzw. zum Bauingenieur das Richtige für dich!

Selina, die im fünften Semester Bauingenieurwesen an der Hochschule München studiert, stellt sich im Interview unseren Fragen zu ihrem Studium.

Wie bist du auf das Studium Bauingenieurwesen gekommen?

Bauingenieurwesen-Studentin Selina

Unsere Interviewpartnerin Selina (Foto: privat)

Ich habe vorher angefangen, Soziale Arbeit zu studieren und habe nach einem Semester festgestellt, dass technische Studiengänge mir mehr zusagen. Ich hab mir dann ein Semester Zeit genommen, bin in verschiedene Beratungen und Vorlesungen gegangen und habe mich schließlich für Bauingenieurwesen entschieden.

Damit bin ich bis heute super zufrieden, obwohl Umweltingenieurwesen auch eine gute Idee gewesen wäre.

Was lernst du in deinem Studium?

Sehr viel. Und sehr viele unterschiedliche Dinge. In den ersten zwei Semestern hauptsächlich die Grundlagen wie Bauchemie, Bauphysik, Mathematik, Bauinformatik, technisches Zeichnen, technische Mechanik und Baustoffkunde. Das war alles stark theoretisch, aber man hat erste Einblicke durch verschiedene Laborpraktika bekommen. Einige Dozentinnen und Dozenten lassen gerne Beispiele direkt aus der Praxis einfließen.

Im zweiten Studienjahr habe ich dann einen umfassenden Einblick in die meisten Bereiche des Bauingenieurwesens bekommen: Wasserbau, Grundbau, Verkehrswegebau, Bauüberwachung und -organisation, Massivbau, Leichtbau, Baustatik …

Danach folgt das Praxissemester, in dem man in einem Bereich seiner Wahl einen tiefer gehenden Einblick bekommt. Im sechsten und siebten Bachelorsemester findet bei uns eine erste Vertiefung statt. Dann kommen Fächer wie Baurecht und BIM (building information modelling) hinzu.

Was sind deine Lieblingsseminare im Bauingenieurwesen an der Hochschule?

Definitiv alles, was mit Wasser und Informatik zu tun hat. Spannend fand ich vor allem Siedlungswasserwirtschaft. Dort hatten wir ein begleitendes Projekt zu den Vorlesungen, in dem wir die Wasserversorgung, Kanalisation und Abwasserreinigung einer Gemeinde fiktiv planen durften.

Welche Bereiche des Bauingenieurwesens sind für dich eine besondere Herausforderung?

Bauplan und Miniatur-Ziegel

Ein Ingenieurstudium bringt lebenslanges Lernen mit sich.

Ich glaube, jeder Bereich hat seine eigenen Herausforderungen, die man nicht klein reden darf. Man sollte sich davon nicht entmutigen lassen. Im Studium sind das einzelne „Aussieb-Fächer“. Später im Beruf sind es Dinge, die man noch nie gemacht hat und bei denen man erstmal unsicher ist.

Ich denke, bei einem Ingenieurstudium muss man sich auf lebenslanges Lernen einstellen. Es kommt wiederkehrend Neues, was man vorher noch nicht gemacht oder gesehen hat. Ich finde das spannend und abwechslungsreich. Aber man muss den Mut haben, Dinge auszuprobieren, und Spaß daran haben, sich durchzubeißen, bis man zum Ziel kommt.

Du absolvierst gerade ein Pflichtpraktikum. Wie lange dauert es?

Das Praxissemester dauert insgesamt sechs Monate. Zwei Monate verbringt man an der Hochschule und vier Monate in einem Betrieb seiner Wahl.

Wo machst du dieses Praktikum und was sind deine Aufgaben?

Wasserkanal

Gewässerentwicklungskonzepte sind Tätigkeitsfelder von Bauingenieurinnen und Bauingenieuren.

Ich mache mein Praktikum bei CDM Smith in München, einem Ingenieurbüro für Wasserbau, Umwelt und Geotechnik. Ich habe bei Projekten eigene Teilbereiche bekommen. Zusätzlich kann ich hin und wieder einzelne Aufgaben bei einigen anderen Projekten übernehmen.

Das Interessanteste bisher ist ein Projekt für ein Gewässerentwicklungskonzept, bei dem ich mitarbeiten darf. Grob gesagt geht es um die Renaturierung einzelner Gewässer.

War es schwer, einen Praktikumsplatz zu bekommen?

Überhaupt nicht. Es war deutlich schwieriger, einen Platz für das Vorpraktikum zu finden. Das muss bei uns zwingend auf einer Baustelle im handwerklichen Bereich gemacht werden. Die meisten Firmen, die infrage kommen, sind ausführende Betriebe, die kaum Ingenieure und Ingenieurinnen beschäftigen. Deswegen sehen sie für sich keinen Mehrwert darin, angehende Ingenieur*innen sechs Wochen in ihrem Team zu beschäftigen.

Das Praxissemester findet in Betrieben statt, in denen man später arbeiten könnte. Durch das Vorwissen der ersten vier Semester übergeben Betriebe den Studierenden bereitwilliger eigenständige Aufgaben. Sie sehen in ihnen potentielle neue Mitarbeiter*innen.

Die meisten machen das Praktikum in der Bauleitung oder in einem Ingenieurbüro. Ich hatte drei Zusagen bei vier Bewerbungen und kenne niemanden, der größere Schwierigkeiten bei seinen Bewerbungen hatte.

Sollte man einen Master absolvieren oder reicht ein Bachelor of Engineering?

Kran an der Baustelle

Mit dem Titel „Bachelor of Engineering“ hat man derzeit gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Es kommt darauf an, was man in Zukunft machen möchte. Viele, die in die Bauleitung wollen, hören nach dem Bachelor auf. In vielen Ingenieurbüros wird hingegen auf den Master gepocht. Zukunftsführender ist definitiv der Master, aber bei dem Arbeitsmarkt – wie wir ihn gerade haben – kann man mit dem Bachelor of Engineering weit kommen.

Ich werde auf jeden Fall den Master machen. Man kann sich viel besser spezialisieren, da der Bachelor noch allgemein gehalten ist. Viele Themen wurden oberflächig angeschnitten und nicht weitergehend behandelt.

Gab es vor deiner Bewerbung für den Bachelor-Studiengang ein Eignungsverfahren?

Bei uns gab es kein Eignungsverfahren. Es gab einen NC, der bei 3,x lag. Dafür wurde dann in den ersten Semestern ordentlich ausgesiebt.

Wie ist die durchschnittliche Frauenquote in deinem Studiengang?

An unserer Hochschule sind es laut Dekan 25% – relativ hoch für einen Ingenieurstudiengang.

Wie sieht der Berufsalltag eines Bauingenieurs bzw. einer Bauingenieurin aus?

Hochhaus im Bau

Das Bauingenieurwesen bietet viele Möglichkeiten zur Spezialisierung, wie zum Beispiel im Bereich Hochbau.

Das kommt darauf an, wohin man möchte. Man kann auf Baustellen, in Ingenieurbüros oder in der Forschung arbeiten. Die Bereiche bieten breit gefächerte Spezialisierungsmöglichkeiten, was noch mehr Optionen mit sich bringt. Ich denke, die gängigsten Richtungen sind Hochbau, Tiefbau, Informatik und Umwelttechnik.

Ich glaube, was alle gemeinsam haben, sind die täglich neue Aufgaben. Man weiß am Morgen nicht, was einen erwartet. Man wird regelmäßig vor neue Probleme gestellt, die nicht nach Schema F gelöst werden können.

Welche Eigenschaften sollte man für ein Studium im Bereich Bauingenieurwesen mitbringen?

Man sollte auf alle Fälle Interesse und ein gutes technisches Verständnis mitbringen. Sonst ist schnell Schluss.

Ein gesundes Selbstbewusstsein, Durchhaltevermögen und Ehrgeiz schaden ebenfalls nicht. Ich kenne leider Einige, die aufhören mussten. Sie vertrauten nicht mehr in ihre Fähigkeiten und hatten kein Ziel vor Augen.

Würdest du rückblickend etwas anders machen wollen?

Nein. Es gibt zwar Vieles, was ich an der Hochschule gerne ändern würde. Grundsätzlich habe ich aber für mich die beste Entscheidung getroffen. Ich bin froh, dass ich viel Praxisbezug habe, und Dozentinnen bzw. Dozenten, die direkt aus der Praxis kommen.

Für den Master werde ich allerdings nicht an der Hochschule bleiben, weil es eher schwierig ist, dort Wasserbau zu vertiefen. Außerdem möchte ich, jetzt wo ich im Bachelor einen guten Praxisbezug hatte, den Master forschungslastiger gestalten.

Ich denke, das ist eine gute Mischung und ich kann mir alles nochmal aus einer etwas anderen Sicht anschauen. Daher wird es für den Master für mich eher eine Universität werden. Und es war gut, vorher Soziale Arbeit ausprobiert zu haben. Ich würde mich sonst immer fragen, ob mir das nicht doch getaugt hätte.


Wir danken Selina für das spannende Interview und wünschen ihr für den weiteren Verlauf ihres Studiums alles Gute!


Nicole

Ich habe Theater- und Medienwissenschaft mit Germanistik als Zweitfach in Erlangen studiert und bin nun für den Master in Tübingen gelandet. Da ich sehr gut weiß, wie schwierig Entscheidungen nach dem Abitur sein können, blogge ich am liebsten über Möglichkeiten nach dem Schulabschluss.

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