PJ im Medizinstudium – ein Erfahrungsbericht

Was ist das Praktische Jahr (kurz PJ) im Medizinstudium? Wie findest du die die passende Klinik für dich? Wie läuft das Bewerbungsverfahren ab? Und wie viele Lehrkrankenhäuser darfst du besuchen?

Wir haben uns mit Olaf getroffen, der gerne seine ersten PJ Erfahrungen mit dir teilt. Er kennt sich aus und gibt wertvolle Tipps für alle, die Medizin studieren wollen oder auf der Suche nach PJ-Plätzen sind.

Utensilien eines Arztes

Wer Medizin studiert, muss während des Studiums ein praktisches Jahr absolvieren.

Wann kann man das Praktische Jahr antreten? Gibt es Voraussetzungen?

Das PJ findet im 11. und 12. Fachsemester statt. Man darf das PJ nur antreten, wenn man zuvor den schriftlichen Teil des zweiten Staatsexamens meistert. Zusätzlich muss der*die Betriebsmediziner*in der Uni den Studierenden als geeignet einstufen.

Wann beginnt man am besten mit der Suche nach einer Klinik für das Praktische Jahr?

Medizinstudent Olaf

Medizinstudent Olaf © Foto: privat

Wer ins Ausland möchte, sollte sich früh informieren oder spontan sein. Die Schweiz ist ein beliebtes Ziel für das chirurgische Tertial. Das chirurgische Tertial umfasst die verpflichtenden vier Monate, die man in einem der großen chirurgischen Fächer verbringen muss.

Die Bewerbung sollte man eineinhalb bis zwei Jahre zuvor abschicken. Für alle, die spät dran sind, gilt: Man kann immer anfragen, ob jemand kurzfristig abgesprungen ist.

Für die meisten deutschen Kliniken darf man sich mehr Zeit lassen. Einen guten Überblick bietet das PJ-Ranking: Eine Website, auf der ehemalige PJ-Studierende von ihren Erfahrungen berichten und die Kliniken entsprechend bewertet haben.

Uneingeschränkt darf man sich auf die Erfahrungen anderer aber nicht verlassen. Es gibt Studierende, für die es das Größte ist, täglich nach zwei Stunden Praktikum heimgeschickt zu werden. Andere wollen hingegen möglichst viel Verantwortung übernehmen.

Wie bewirbt man sich bei den Kliniken für ein PJ?

Bei den meisten Lehrkrankenhäusern in Deutschland gibt es einen komfortablen Weg, sich einen Platz zu sichern. Es ist aber nicht zwangsläufig einfach. Ein Großteil der Universitäten und deren Lehrkrankenhäuser sind im sogenannten PJ-Portal vertreten. Dies ist eine zentrale Online-Plattform zur Vergabe der Praktikumsplätze.

Universitätsklinikum

Zur Vergabe der Praktikumsplätze an Lehrkrankenhäusern gibt es eine zentrale Online-Plattform.

Bei uns gab es im Semester vor Beginn des PJs eine Einführungsveranstaltung, die uns alle verunsichert hat. Dort hieß es, man bekomme zwei Buchungstermine zugewiesen, sobald man im Portal angemeldet sei.

Der erste Buchungstermin betrifft die sogenannte lokale Phase, in der man sich einen Praktikumsplatz in Lehrkrankenhäusern sichern kann, die zur Heimatuniversität gehören. Die Plätze können eine Woche lang gebucht werden. Am Ende der Woche sind die meisten guten Plätze bereits belegt.

Der zweite Buchungstermin betrifft die nationale Phase. In dieser zweiten Buchungswoche erhält man Zugriff auf noch offene Plätze externer Lehrkrankenhäuser. Man munkelt, ein später lokaler Termin verspreche einen frühen nationalen. Ob dem wirklich so ist, ist nicht bekannt.

Ist dein persönlicher lokaler Termin gekommen, hast du 180 Sekunden Zeit, um deine Wunschkrankenhäuser im jeweiligen Fach auszuwählen. Sind die freien Plätze vergeben, hast du in deiner Merkliste hoffentlich noch einen Plan B, C und D vermerkt.

Das Ganze wiederholt sich einen Monat später in der nationalen Phase. Danach darf bis fünf Wochen vor dem jeweiligen Tertialstart noch wild getauscht werden – alles komfortabel vom PC aus.

Wie läuft das Bewerbungsverfahren ab?

Manche Universitäten haben sich dazu entschlossen, nicht Teil des Portals zu sein. Die haben eigene Fristen und Bedingungen. In meinem Fall waren es Bewerbungen direkt an den jeweiligen Chefarzt, der mich dann durch den Rest der Prozedur geführt hat.

Manche Universitäten verlangen auch, sich bei ihnen einzuschreiben.

Inwiefern können sich die Konditionen je nach Klinik unterscheiden?

Da ändert sich momentan einiges. Einerseits pochen die Studierenden und ihr Verband darauf, dass man fair vergütet wird. Andererseits haben viele große Kliniken kein Interesse daran, bisher kostenlose Arbeitskräfte zu entlohnen, die Vollzeit arbeiten.

Viele Krankenhäuser geben einem für die Vollzeit gerade mal ein kostenloses Mittagessen. Was das für ein Stundenlohn ist? Ein Euro?

Andere Krankenhäuser sind auf der Suche nach Studierenden, die künftige Mitarbeiter*innen werden, und bieten deutlich mehr an. Da gibt es kostenlose Wohnungen, Automitbenutzung, Studientage und Taschengeld – und dennoch kommt man nicht an das Einkommen von anderen Auszubildenden heran. Hoffentlich tut sich da noch was für die nachfolgenden Generationen.

Wo bist du während deines PJs?

Mir war es wichtig, an Kliniken zu kommen, für die die Lehre relevant ist. Ich wollte nicht mit sechs weiteren Studierenden und einem überforderten Assistenzarzt auf Station sitzen oder den halben Tag nur Blutentnahmen machen.

Deshalb habe ich mich entschieden, vier Monate die HNO-Fachabteilung von Bad Hersfeld zu besuchen. Deren Chef liebt sein Fach und die Lehre ebenso. Ich bin seit zwei Monaten hier und man spürt den Elan, den er und seine Mitarbeiter*innen an den Tag legen.

Als Student*in soll man alles zu sehen bekommen, im Operationssaal mitmachen und kein seltenes Krankheitsbild verpassen. Man sollte hier keine Scheu vor spontanen Abfragen haben.

Luzern in der Schweiz

Die Schweiz hat einen guten Ruf, wenn es um die chirurgische Ausbildung geht.

Daneben hat sich das Krankenhaus die studentische Ausbildung auf die Fahne geschrieben. Hier werden mir zwei Mahlzeiten am Tag gezahlt. Ich habe eine Unterkunft, ein Elektroauto zur gemeinsamen Nutzung mit den anderen PJlerinnen und PJlern und einen Verdienst von 400 €. Das ist alles andere als üblich.

Wer mag, darf noch Nachtdienste im OP oder in der Psychiatrie übernehmen, um sein Gehalt weiter aufzustocken. Als ich das vor der Bewerbung las, klang es zu gut, um wahr zu sein. Doch ich kann bestätigen: Es stimmt.

Danach geht es für mich in eine schöne kleine Stadt in der Nähe Luzerns. Also werde auch ich dem guten Ruf der chirurgischen Ausbildung in der Schweiz folgen. Zuletzt wird es mich in ein Krankenhaus in der Nähe von Hannover verschlagen, das laut Ranking in der internistischen Lehre glänzt.

An wie vielen unterschiedlichen Kliniken kann man während des Praktischen Jahres sein?

Man kann bei gewünschtem Auslandsaufenthalt ein Tertial halbieren, wenn man von vornherein gerne mehr sehen möchte. Sollte sich eine Klinik als ausbeuterisch und die Bedingungen vor Ort als untragbar abzeichnen, kann man kurzfristig zum Heimatklinikum wechseln.

Man kann also zwischen einer und vier Kliniken zu sehen bekommen. Bald soll es Quartale geben, von denen eines verpflichtend in der Allgemeinmedizin absolviert werden muss. Die Politik erhofft sich davon, mehr Hausärzte zu generieren, indem die Studierenden immer wieder mit der Allgemeinmedizin konfrontiert werden. Der freien Entfaltung der eigenen Interessen wird dabei ein weiterer Riegel vorgesetzt.

Mir hat jedes Praktikum in der Allgemeinmedizin zwar große Freude bereitet und ich würde auch wärmstens weiterempfehlen, sich in dem Bereich fortzubilden. Jedoch kann ich jeden verstehen, der dem Zwang mit einer generell abweisenden Haltung begegnet.

Ab in die Schweiz: Gibt es Besonderheiten, wenn man für das PJ Medizin ins Ausland geht?

Ja, die Krankenhäuser müssen vom jeweiligen Landesprüfungsamt anerkannt sein. Es gibt eine Liste des Landesprüfungsamt in NRW, auf die sich viele berufen. Steht die Wunschklinik nicht darauf, muss man zunächst abklären, ob das in Ordnung geht.

Es gibt auch Krankenhäuser, wie zum Beispiel das Klinikum Coburg, die ausländischen Universitäten zugehörig sind. Da wird es einem unnötig schwer gemacht, an diesen Kliniken ein Praktikum zu machen.

Im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass man frühzeitig mit der Organisation des PJ beginnen sollte. Visum und Versicherung sollten auf jeden Fall vorab geklärt sein. Einige Kommilitoninnen und Kommilitonen mussten ihren Auslandsaufenthalt verschieben, da Ebengenanntes für manche ausländischen Kliniken die nicht verhandelbare Mindestanforderung ist.

Wie war dein erster Tag im PJ?

Mein erster Tag war gut organisiert. Die „alten“ PJ-Studierenden haben auf uns gewartet und uns durch den Dschungel aus Papierkram, Vorstellungen und Korridoren gelotst. Alle haben uns sehr herzlich aufgenommen. Das hat uns ein gutes Gefühl gegeben. Es ist anders als das typische „Haken- und Maulhalten“, das andernorts noch immer beklagt wird.

Wie sieht dein Tagesablauf im PJ aus?

Blutabnahme in der Klinik

Während des PJ lernen die Studierenden den Arbeitsalltag und die Abläufe in einem Krankenhaus kennen.

Mein Tag beginnt um 7.30 Uhr mit der Frühbesprechung. Dort geht es in der HNO-Abteilung um die anstehenden Operationen sowie Patienten, die nachts notfallmäßig stationär aufgenommen wurden.

Danach geht es mit versammelter Mannschaft auf Visite. Hierbei spürt man den Charme des Klinikums. Die Ärztinnen und Ärzte unterhalten sich nicht im Medizinerkauderwelsch, während die Betroffenen verständnislos daneben sitzen. Der Chefarzt spricht persönlich mit ihnen und führt Untersuchungen durch, während der*die Patient*in von seinem*ihrem Befinden berichtet.

Danach bleibt der jeweils zugehörige Operateur bzw. Operateurin alleine zurück und bespricht den Verlauf der zurückliegenden Operation.

Freie Wahl: Station oder OP

Ist die Visite vorbei, kann ich auf der Station bleiben und dort mit dem zuständigen Arzt Verbandswechsel, Wundkontrollen und Entlassungen vorzunehmen. Anschließend werden dort Patientinnen bzw. Patienten aufgenommen, die am Folgetag operiert werden sollen.

Operationssaal

Im OP können Medizinstudierende ein ruhiges Händchen beweisen.

Ist mir mehr nach ruhiger, konzentrierter Arbeit im OP, darf ich mich jederzeit dort mit an den Tisch stellen. Bei vielen Operationen werden die PJler*innen als erste Assistenz eingeteilt. Je nachdem wie man sich in den Wochen anstellt, darf man mehr und mehr Aufgaben übernehmen. Keiner stört sich daran, dass man für eine Naht mehr als doppelt so viel Zeit braucht wie der Chef. Hauptsache das Ergebnis ist von guter Qualität.

Sofern sich die Operation nicht als ungewöhnlich komplizierte Prozedur darstellt, schafft man es regelmäßig zum Mittagessen. Aber auch für die armen Seelen, die die Öffnungszeiten der Kantine durchschuften, gibt es in der Ambulanzküche ein warmes Süppchen.

Sprechstunden und Krankheitsbilder am Nachmittag

Am Nachmittag setzt man sich als Praktikant mit in die Sprechstunde des Chefs und der Oberärzte bzw. Oberärztinnen. Dort strudelt dann ein buntes Potpourri aller möglichen Gebrechen des HNO-Bereichs auf einen zu. Jeder auffällige Befund wird mir dort explizit gezeigt.

Wird die Patientin bzw. der Patient dann auf die Reise zu den verschiedensten Untersuchungen wie Hör- und Gleichgewichts-, Allergietests etc. geschickt, stellt der Professor mir noch ein paar Fragen rund um das gesehene Krankheitsbild.

Gegen 16 Uhr ist dann der Tag vorbei.

Zusätzliche Aufgaben

Einmal pro Woche wird von mir ein zweiminütiger Vortrag zu einem frei gewählten HNO-Thema erwartet. Das hört sich erst einmal nicht nach viel Arbeit an. Da mein Chef jedoch gezielt Fragen stellt, die ein vorheriges Verstehen des Themas erfordern, reicht das Überfliegen des jeweiligen Kapitels nicht.

Diese Vorträge bereiten mich gut auf die am Ende des praktischen Jahres anstehende mündliche Prüfung vor. Regelmäßig finden an den Nachmittagen Fortbildungen aus allen ansässigen Fachabteilungen statt.

Und nach dem PJ?

Nach Ende des praktischen Jahres steht noch der praktisch-mündliche Teil des Staatsexamens an. Nach dieser letzten Hürde darf man sich dann endlich Arzt nennen.

Wer jetzt Angst hat, mit Bestehen der letzten Prüfung ausgelernt zu haben, den kann ich beruhigen. Es stehen noch, sofern man die Doktorarbeit bereits studienbegleitend beendet hat, deren Verteidigung und die Facharztweiterbildung an. Diese nimmt einen für weitere fünf Jahre in Beschlag.

Was rätst du allen, die sich für ein Medizinstudium interessieren?

Macht es, es lohnt sich! Es wird von Semester zu Semester besser. Nutzt die Zeit zwischen Abitur und Semesterstart für das Pflegepraktikum. Dann habt ihr zumindest in den ersten vier Semestern, der sogenannten Vorklinik, mehr Freizeit in den Semesterferien.

Habt keine Angst vor fremden Städten. Es ist zunächst eine Überwindung je nach zugeteiltem Studienplatz in weiter Ferne von der eigenen Heimat ein Studium zu beginnen. Ich habe es nie bereut, diesen Schritt gewagt zu haben. Zumal man beim zentralen Vergabeverfahren ohnehin keine großen Wahlmöglichkeiten hat. Aber das ist eine andere Geschichte…


Wir danken Olaf für das ausführliche und offene Interview. Für seine nächsten Kliniken und die mündliche Prüfung wünschen wir ihm alles Gute.


Wie du deine Chancen auf ein Medizinstudium erhöhst, erfährst du in diesem Beitrag.

Nicole

Ich habe Theater- und Medienwissenschaft mit Germanistik als Zweitfach in Erlangen studiert und bin nun für den Master in Tübingen gelandet. Da ich sehr gut weiß, wie schwierig Entscheidungen nach dem Abitur sein können, blogge ich am liebsten über Möglichkeiten nach dem Schulabschluss.

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