Interview: Elektrotechnik studieren

Dein Interesse für Elektronik und Technik ist grenzenlos? Du möchtest Karriere in diesem Bereich machen? Dann mach es wie Marco, der momentan im sechsten Semester seines Studiums Elektrotechnik ist und seine Bachelorarbeit schreibt. In unserem Interview erzählt er uns mehr über die Elektrotechnik, den Studiengang und die beruflichen Chancen.

Hochspannungsleitung

„Energieübertragung mit Hochspannungsleitungen“ ist nur eines von vielen Fächern, das man im Elektrotechnik Studium belegt.

Warum hast du dich für Elektrotechnik entschieden?

Ich wollte irgendetwas mit Technik machen, hatte mit 18 jedoch keinen konkreten Plan. Vor dem Studium in Erlangen habe ich an der Uni Bayreuth Engineering Science studiert (vergleichbar mit allgemeinen Ingenieurswissenschaften). Da hatte man grundlegende Fächer des Maschinenbaus, Werkstoffwissenschaften, Mathe und Physik.

Elektrotechnik-Student Marco

Unser Interviewpartner Marco (Foto: privat)

Die interessantesten Module waren für mich die der Elektrotechnik. Die Grundlagen waren zwar ein wenig trocken, aber Sensorik oder Messtechnik waren super faszinierend. Die technische Mechanik hat mich nach allgemeinen Zweifeln dann vollends aus Bayreuth vertrieben. Da war bereits klar, dass ich mit Elektrotechnik weitermachen möchte. Deswegen bin ich dann nach Erlangen weiter, um dort richtig E-Technik zu studieren.

Was lernst du bei deinem Studium?

Puh, das ist schwierig zu beantworten. Nach dem vierten Semester kann man sich in eine von sechs Richtungen spezialisieren. Zusätzlich hat man ein freies technisches und ein freies nichttechnisches Wahlfach im Bachelor. Allgemein lernt man viele mathematische Grundlagen: wie Logikschaltungen funktionieren, Grundlagen von Java und C, die Funktionsweise von Elektromotoren oder wie Signale übertragen und verarbeitet werden. (Darunter fällt beispielsweise WLAN oder unser in Deutschland super ausgebautes 4G Netz *zwinkert*).

Fächer, wie Werkstoffkunde, Energieübertragung mit Hochspannungsleitungen oder Halbleiterbauelemente haben nicht viel gemeinsam, fallen aber zurecht unter das Gebiet der Elektrotechnik. Ich kann hier nicht ansatzweise alle Fächer erwähnen, die mir einfallen. Zusammenfassend würde ich sagen, bekommt man vor allem eine neue Denkweise vermittelt.

Welche Seminare und Vorlesungen besuchst du am liebsten?

Seminare hatte ich bisher erst eines diesen Sommer, das war super spannend. Dort musste ich einen 20-minütigen Vortrag über ein sehr junges Thema halten, über das nicht einmal die Leiter des Kurses Bescheid wussten: LOHC, ausgeschrieben Liquid Organic Hydrogen Carriers.

Solar-Anlage

Wie kann man überschüssigen Solarstrom speichern? Eine Frage, die Elektrotechniker*innen beschäftigt.

In Erlangen wird von der Uni viel Geld in die Entwicklung eines solchen organischen Trägerstoffes gepackt, um z.B. überschüssigen Wind- oder Solarstrom in Form von Wasserstoff zu speichern. Da Wasserstoff schwer zu handhaben ist – die nette Formulierung für hochexplosiv – packt man ihn in einen ungefährlichen Trägerstoff, das LOHC. Sobald man dann Energie benötigt, holt man den Wasserstoff aus dem Träger und erzeugt beispielsweise in einer Brennstoffzelle Strom.

Aus meinen klassischen Fächern waren meine Favoriten bisher Leistungselektronik und Hochfrequenztechnik. Bei beiden Fächern waren die sehr guten Dozenten prägend. Da macht es viel aus, ob man ein anständiges, überlegtes Skript bekommt oder nur unverständlichen Powerpoint-Folien folgen soll.

Als wie zeitintensiv schätzt du dein Elektrotechnik Studium ein?

Es ist eindeutig zeitintensiv. Von manchen Erzählungen aus anderen Studiengängen wird man etwas neidisch auf so viel Freizeit. Trotzdem sollte man jetzt nicht denken, dass alle Elektrotechniker in der Bibliothek leben und keine Zeit für Freunde oder Hobbys haben. Selbst die überdurchschnittlich Guten haben Zeit für einen gemütlichen Abend in der Kneipe oder für ehrenamtliche Tätigkeiten.

Über welche Themen kann man in der Elektrotechnik zum Beispiel Bachelorarbeit schreiben?

Computerchip

Selbst Computerchips designen? Die Elektrotechnik macht’s möglich!

„Alles Technische“ klingt überspitzt, aber trifft es gut. Freunde von mir haben Algorithmen für die Bildverarbeitung programmiert, mit Raspberries medizintechnische Apparate entworfen oder Computerchips designt. Andere haben komplexe E-Motorschaltungen gebaut, elektromagnetische Felder auf Platinen simuliert oder wie ich zur Zeit eine eigene Platine entworfen. Ich baue gerade einen besonderen Sende-Empfangs-Umschalter auf. Er ist vergleichbar mit denen in einem Smartphone, die dafür sorgen, dass man im Mobilfunknetz fast gleichzeitig Daten erhalten und verschicken kann.

Welche Voraussetzungen sollte man für Elektrotechnik mitbringen?

Sobald man ein Grundinteresse an Technik hat, ist man richtig. Klar, die Mathematik verschreckt am Anfang viele: Man muss aber kein Einser-Schüler in der Oberstufe gewesen sein, um sich da durchboxen zu können.

Wie sehen deine beruflichen Möglichkeiten aus?

Sehr gut, aber weit gestreut. Möchte man z.B. Chips designen, kommen nicht viele Firmen und damit Standorte in Frage. Trotzdem ist Deutschland für einen Elektrotechnikingenieur ein ziemliches Schlaraffenland. Es gibt unzählige mittelständische Unternehmen oder „hidden Champions“, deren Namen man noch nie gehört hat, die aber Weltmarktführer in ihrem Bereich sind.

Ansonsten suchen die klassischen Arbeitgeber wie Automobilindustrie, Siemens, Bosch etc. teils händeringend Elektrotechniker. Wenn man sich für künstliche Intelligenz interessiert, hat man gute Chancen bei Google, Apple und Konsorten.

Sollte man den Master of Engineering anhängen?

Unbedingt, wenn du deinen Bachelor an der Uni machst! Alternativ ist man in der Industrie gerne gesehen, wenn man seinen Bachelor an einer Fachhochschule kombiniert mit einer Ausbildung absolviert.

An der Universität ist das anders. Es ist unüblich nach dem bestandenen Bachelor keinen Master anzuhängen, da dort erst richtig die Vertiefungsfächer starten. Selbst wenn man nach dem Master nicht die gleiche Richtung verfolgt, die man zuvor eingeschlagen hatte, ist man anschließend besser gerüstet. Auch das durchschnittliche Einstiegsgehalt liegt hier um einiges höher.

Was rätst du allen, die sich für ein Studium der Elektrotechnik interessieren?

Sprecht mit Studierenden, setzt euch mal in eine Vorlesung rein, macht bei einer Schülerführung durch Lehrstühle mit. Da merkt man schnell, ob das was für einen ist. Ich kann es jedem empfehlen, der gerne mit Technik in jedweder Form zu tun haben möchte.

Würdest du gerne nachträglich an deiner bisherigen Laufbahn etwas ändern?

Nein, auf keinen Fall. Vielleicht hätte ich von Anfang an gleich mit Elektrotechnik starten sollen – aber dann hätte ich nicht denselben weiten Einblick bekommen. Und noch viel wichtiger: ich hätte nicht dieselben tollen Menschen in Erlangen kennengelernt!


Wir danken Marco für das aufschlussreiche Interview und wünschen viel Erfolg bei der Bachelorarbeit! Alle Informationen zum Studiengang Elektrotechnik erhältst du kompakt in unserem Beitrag zum Interview.

Nicole

Ich habe Theater- und Medienwissenschaft mit Germanistik als Zweitfach in Erlangen studiert und bin nun für den Master in Tübingen gelandet. Da ich sehr gut weiß, wie schwierig Entscheidungen nach dem Abitur sein können, blogge ich am liebsten über Möglichkeiten nach dem Schulabschluss.

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