Medizinstudium: Das ändert sich 2019/2020

Das Medizinstudium ist seit langer Zeit ein Privileg, das Abiturientinnen und Abiturienten mit erstklassigen Noten vorbehalten ist. Viele Schülerinnen und Schüler haben trotz richtig guter Schulnoten geringe Chancen auf einen der begehrten Studienplätze. Oftmals entscheiden nur minimale Notenunterschiede, wer den Studienplatz bekommt.

Nach einer Klage gegen das Grundgesetz ist das Zulassungsverfahren in vielen Bereichen überarbeitet worden. Was soll sich im Jahr 2019/2020 ändern? Wie kann man seine Chancen durch den Test für Medizinische Studiengänge (TMS) erhöhen? Und wie leicht ist der Traum eines Medizinstudiums zu erfüllen? Die Antworten darauf gibt dieser Beitrag.

Kritik an den Aufnahmekriterien 

Derzeit gibt es strenge Aufnahmekriterien für die Studiengänge der Human- und Zahnmedizin, die zum Großteil abhängig von der Abiturnote sind. Der sogenannte Numerus Clausus verlangt im Jahr 2018 einen Notendurchschnitt zwischen 1,0 und 1,1 für den Studiengang der Humanmedizin (Achtung: Unterschiedlich je Bundesland). Für Zahnmedizin finden sich – mit ein klein wenig mehr Toleranz – die identischen Anforderungen; hier wird in den unterschiedlichen Bundesländern ein Durchschnitt von 1,0 bis 1,5 verlangt.

Die Hochschulen sind durch den hohen Andrang auf Studienplätze gezwungen, eine Grenze zu setzen. Doch ist dieses Verfahren gerecht und gesetzeskonform? Nein, sagen viele Menschen und werfen dem Zulassungsverfahren einen Verstoß gegen das Deutsche Grundgesetz vor.


Art. 12 GG: Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.

Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland

 

Eine Klage aus dem Jahr 2017, die sich auf diesen Artikel berufen hat, sorgt nun endlich für einen Schritt in Richtung Änderung. Die Kultusminister haben Entscheidungen getroffen und das Bundesverfassungsgericht ein Urteil gefällt. Das Zulassungsverfahren ist verfassungswidrig und das Verfahren wird abgeändert. Bis zum 31. Dezember 2019 sollen die Änderungen in Kraft treten.

Das soll sich am Zulassungsverfahren ändern

Die Änderungen werden besonders im direkten Vergleich mit der aktuellen Regelung des Zulassungsverfahrens deutlich. Die genauen Abläufe, des derzeit geltenden Verfahrens findest du hier.

1. Abschaffung der Wartequote

Die erste Änderung, die durchgesetzt werden soll, ist die Abschaffung der Wartezeit. Nach derzeitigen Regelungen darf die Wartezeit 14 bis 15 Semester betragen. Aktuell werden 20 Prozent der Studienplätze an Bewerber*innen vergeben, die am längsten auf einen Studienplatz warten. Dieses Verfahren nennt man Verteilung nach Wartequote.

2. Einführung einer Talentquote

Nun soll es statt der Wartequote eine Talentquote geben. Diese Talentquote soll sich mehr auf Zusatzqualifikationen und den Lebenslauf des Bewerbers bzw. der Bewerberin konzentrieren. Man hat die Möglichkeit, mit der eigenen Person zu überzeugen und seine Talente zur Geltung bzw. seine Eignung zum Vorschein zu bringen.

3. Bessere Vergleichbarkeit der Abiturnoten

Um den Abiturnotenvergleich der verschiedenen Bundesländer zu berichtigen, soll die nächste Änderung Abhilfe schaffen. Aber was ist mit Abiturnotenvergleich überhaupt gemeint? Jedes Bundesland kann aus einem Pool von Abituraufgaben für Kernfächer wie Mathe, Deutsch und die Zweite Fremdsprachen wählen und diese individuell verändern.

Das neue Verfahren sieht ein Verbot dieser Änderungen vor. Dadurch sollen die Abiturnoten aus verschiedenen Bundesländern transparenter und gleichwertiger werden. Zu welchem Zeitpunkt dieses Verbot in Kraft tritt, steht noch nicht fest. 

4. Einführung weiterer Aufnahmekriterien für die Studienplatzvergabe

Universitäten sollen bei ihrem Aufnahmeverfahren, dem sogenannten Aufnahmeverfahren der Hochschulen (AdH), zusätzlich statt dem strikten Vergleich der Abiturnoten zwei weitere Aufnahmekriterien einführen. Wie diese Kriterien aussehen, kann die jeweilige Universität nach eigenen Vorstellungen entscheiden.

Es soll von zusätzlichen Prüfungen bis zu speziellen Auswahlgesprächen alles möglich sein. Mithilfe dieses Verfahrens sollen zukünftig 60 Prozent der Studienplätze vergeben werden.

5. Erhalt der Abiturbestenquote

Die Abiturbestenquote bleibt mit einer Ausweitung von 20 Prozent auf 30 Prozent erhalten. Warum diese Quote nicht vollständig abgeschafft wird, rechtfertigt die Kultusministerkonferenz (KMK) mit dieser Begründung (Anm. d. Red.: Satz wurde auf den Text angepasst, inhaltlich nichts geändert):

Es gibt Aufschluss über allgemeine kognitive Fähigkeiten und persönlichkeitsbezogene Kompetenzen, wie Motivation, Fleiß und Arbeitshaltung“.

Die KMK macht somit deutlich, dass die Abiturnote weiterhin als eine Art Absicherung für einen erfolgreichen Abschluss des Studiums gesehen wird.

6. Berücksichtigung der Eignungsquote

Bei der Eignungsquote soll ausschließlich auf versteckte Talente und schulunabhängige Kriterien geachtet werden. Das bedeutet: Soziale und kommunikative Fertigkeiten sowie andere Qualifikationen werden bei der Auswahl mehr gewichtet. Mit der Eignungsquote sollen zukünftig 10 Prozent der Plätze vergeben werden.

7. Verpflichtung als Landärztin oder Landarzt

Eine zusätzliche Maßnahme ab dem Jahr 2020 soll das Problem des Ärztemangels in ländlichen Regionen lösen. 10 Prozent der Studierenden können sich vorab dazu verpflichten, zehn Jahre lang auf dem Land zu praktizieren. Dafür können sie ihre Chancen auf einen Studienplatz weiter verbessern. Das gilt für die Bundesländer Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern.

Na, mitgerechnet? So sieht die Studienplatzvergabe im neuen Zulassungsverfahren aus:

60% neue Kriterien AdH + 30% Abiturbestenquote + 10% Eignungsquote

Das neue Zulassungsverfahren soll zum Beginn des Sommersemesters 2020 eingeführt und fertiggestellt sein. Bis dahin ist noch viel Bürokratie zu erledigen. Es müssen mehrere Gesetze und ein vollständiger Länder-Staatsvertrag geändert werden. 

Chancen verbessern mit dem TMS

Laut den aktuellen Ergebnissen der Konferenz bleibt der Test für Medizinische Studiengänge (TMS) erhalten. Der sogenannte Medizinertest kann bei Bestehen einen Bonus im Auswahlverfahren darstellen.

In Deutschland wird der TMS an 23 Universitäten in verschiedenen Formen berücksichtigt. Einige Universitäten wenden je nach Testergebnis einen Bonus auf den Abiturschnitt an. Andere rechnen das Testergebnis direkt in den Abiturschnitt mit ein.

Mithilfe des Tests hat man somit eine bessere Chance auf einen der begehrten Plätze. Den Test sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Unser Tipp: Bereite dich rechtzeitig auf den Test vor und bleib beim Lernen auf alle Fälle bis zum Test am Ball!

Der TMS findet jedes Jahr im Mai an unterschiedlichen Standorten in Deutschland statt. Anmelden für den Medizinertest kann man sich im Januar. Ein Wiederholen des Medizinertests ist derzeit nicht möglich.

Für eine gültige Teilnahme fällt eine Gebühr von 73 € an. Diese Gebühr wird im Zeitraum vor dem Test überwiesen. Alle Daten zur Überweisung und genauere Informationen dazu findest du hier.

Was muss ich für den Medizinertest können?

Eine gute Vorbereitung auf den TMS ist äußerst wichtig. Es ist keine rein fachliche Abfrage über medizinisch- und naturwissenschaftliche Kenntnisse. Gefragt sind Grundfähigkeiten, die im späteren Medizinstudium wichtig sind. Bei dem Test ist viel Konzentration und ein schnelles Arbeiten gefragt. Es warten mehrere Aufgabengruppen mit unterschiedlichen Herausforderungen.

TMS Aufgabengruppen, Abläufe und Zeitrahmen im Überblick

Vormittagsteil
  • 1. Muster zuordnen, 24 Aufgaben, 22 min
  • 2. Medizinisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis, 24 Aufgaben, 60 min
  • 3. Schlauchfiguren, 24 Aufgaben, 15 min
  • 4. Quantitative und formale Probleme, 24 Aufgaben, 60 min
  • 5. Konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten, 8 min

Diese Aufgabengruppen stellen den sogenannten Vormittagsteil dar und dauern insgesamt 165 min (also ca. 3 Stunden).
Nach einer Stunde Pause geht es mit dem Nachmittagsteil weiter:

Nachmittagsteil

Merkfähigkeitstest – Einprägungsphase mit:

  • 6. Figuren lernen, 20 Lerneinheiten, 4 min 
  • 7. Fakten lernen, 15 Lerneinheiten, 6 min 
  • 8. Textverständnis, 24 Aufgaben, 60 min                                             

Merkfähigkeitstest – Reproduktionsphase:

  • 9. Figuren lernen, 20 Aufgaben, 5 min
  • 10. Fakten lernen, 20 Aufgaben, 7 min
  • 11. Diagramme und Tabellen, 24 Aufgaben, 60 min

Im Nachmittagsteil hast du insgesamt 142 min, was ca. 2 1/2 Stunden entspricht. Genauere Erläuterungen zu den Aufgaben und passende Beispiele findest du in dieser umfassenden Online-Broschüre zum TMS.

Um dich auf den TMS vorzubereiten, werden Kurse angeboten, in denen du (mit anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern) auf den Test vorbereitet wirst. Wenn du lieber Zuhause lernen möchtest, gibt es Lernhilfen rund um das Thema Vorbereitung auf den Medizinertest.
Hier zwei Beispiele:

Im Buch Training TMS – Der Medizinertest findest du bewährte Strategien, Aufgaben mit Beispielen und alle neuen Untertests.

Das rote Buch Testsimulationen TMS – Testaufgaben mit Lösungen bietet dir zwei komplette Testsimulationen und dem Originaltest nachempfundene Aufgabenstellungen. Zusätzlich kannst du deinen Kenntnisstand bei allen neun Untertests, Zeitangaben, Bearbeitungshinweise, Lösungsschablonen überprüfen und hast ausführlich kommentierte Lösungen zu allen Aufgaben.

Alles neu, alles gerecht? Ein Fallbeispiel

Klar, das neue Zulassungsverfahren versucht sich mehr am Grundsatz der Gerechtigkeit zu orientieren. Eines der Hauptauswahlkriterien wird allerdings ohne jeden Zweifel die Abiturnote bleiben. Aber ist sie wirklich ein zuverlässiger Indikator für ein erfolgreiches Studium und eine gute Ärztin bzw. einen guten Arzt?

Was sagt Melina dazu?

Die 19-jährige Melina findet diese Einschätzung nicht gerecht. Sie ist im letzten Jahr der Fachoberschule in Bayern und schreibt dieses Jahr ihr Allgemeines Abitur. Melina hat den großen Wunsch Medizin zu studieren und kann sich im Moment schwer ein anderes Studienfach vorstellen.

Trotz der Chance auf einen ähnlich guten Schnitt im Allgemeinen Abitur (Fachabitur Schnitt von 1,3) zweifelt Melina daran, einen Studienplatz zu bekommen. Sie sagt: „Ich kann verstehen, dass die Studienplätze sehr gefragt sind und aus diesem Grund in einer bestimmten Form selektiert/aussortiert werden muss. Aber meiner Meinung nach ist ein 1,0-Abischnitt kein Grund für die Eignung zum Medizinstudium. Kann nicht auch jemand mit einer 2 ein guter Arzt werden? Ein gezielter Eignungs- und Persönlichkeitstest wäre sinnvoller.“

Universitäten sollen im neuen Zulassungsverfahren genau solche Eignungstests, Persönlichkeitstests durchführen bzw. eine stärkere Gewichtung von Vorerfahrungen und Auswahlgesprächen berücksichtigen. Die Universitäten haben das Recht, dieses Verfahren nach eigenem Ermessen zu bestimmen. Melina gab im Gespräch mit uns an, Angst zu haben, das viele Universitäten diese neuen Regelungen nicht für nötig halten. Dieses Problem wird laut der Kultusministerkonferenz nicht eintreten. Die neuen Aufnahmebedingungen der Hochschulen sollen geprüft und offiziell durch Ministerien absegnet werden.

Die Änderungen sind ein Schritt in die richtige Richtung. Am Ende muss man trotz der vielen Änderungen feststellen, dass die Plätze weiterhin begrenzt und für viele ein unerreichbar Traum bleiben werden. Melina hofft weiterhin – durch den TMS und einen noch besseren Abiturschnitt –, sich den Traum vom Medizinstudium erfüllen zu können. Zum Schluss unseres Gesprächs sagte sie: „Nach dem Abitur werde ich ein Jahr versuchen, ein klein wenig Vorerfahrung zu sammeln, um dann bei Inkrafttreten der Änderungen gut aufgestellt zu sein.“ 
Wir wünschen ihr für den weiteren Weg zum Medizinstudium viel Glück!

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Tatjana

Die Entscheidung der Berufswahl habe ich bereits getroffen und bin jetzt Auszubildende beim STARK Verlag. Ich blogge auf schultrainer.de, um mit vielen interessanten und hilfreichen Themen zu begeistern.

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