Kino rund um die Welt – Filmgeschichte (5/5)

Internationaler Film

Nach den bisherigen Beiträgen zur Filmgeschichte möchte man meinen, dass sie sich hauptsächlich in den USA und Europa abgespielt hat. Das dem nicht so ist, beweist ein Blick auf die Liste der Länder mit den meisten Spielfilmproduktionen. Neben den USA auf Platz 3 belegen drei asiatische und ein afrikanisches Land die Top 5. Wie das Kino außerhalb unseres Tellerrandes aussieht, erfahrt ihr hier.Weltkarte: Kino weltweit

Asiatischer Film

Indischer Film

Mit großem Abstand und 2,5 mal so vielen Produktionen wie die USA ist Indien Platz 1 dieser Liste. Fast 2000 Spielfilme erschienen dort im Jahre 2017. Die indische Filmindustrie ist die zweitälteste der Welt. Schon 1896 gab es erste Vorführungen u.A. von den Brüdern Lumière. Kurz darauf entstanden erste indische Filme. Die Filmgeschichte mit Stumm-, Ton- und Farbfilm fand parallel zum Westen statt und mündete in einer Art goldenem Zeitalter.

Parallelkino

In dieser Zeit entstand, ähnlich wie in vielen europäischen Ländern, eine vom italienischem Neorealismus beeinflusste Stilrichtung, die den gegenwärtigen Mainstream ablehnte. Das sog. Parallelkino endete allerdings nicht wie seine westlichen Gegenstücke schon einige Jahre später. Erst der Trend zu teureren, verkommerzialisierten Produktionen in den 80er Jahren machte es schwierig für die Kunstfilme. Jedoch tauchte die Stilrichtung in den 2000ern wieder auf und ist bis heute aktiv. Der wichtigste Regisseur des Parallelkinos ist Satyajit Ray. Mit seiner Apus Weg ins Leben-Trilogie (Auf der Straße, Der Unbesiegbare, Apus Welt) machte er sich international einen Namen. Die Filme zählen zu den Besten überhaupt, trotz eines minimalen Budgets und Amateurdarstellern. Weitere Regisseure des Parallelkinos blieben zunächst unentdeckt und ihre Wichtigkeit wurde erst im Nachhinein anerkannt.

Typisches Bollywood Kino

Typische Bollywood Szene

Bollywood

Der Erfolg des kommerziellen Filmes war ab den 70ern nicht mehr aufzuhalten. Der Begriff Bollywood wurde eingeführt und bezeichnet Hindi-Filme, die vorwiegend in Mumbai produziert werden. Bezeichnend dafür steht der Masala-Film. Ein Genremix aus Action, Comedy, Romance und Drama/Melodrama mit Musik- und Tanzeinlagen. Eine der herausragendsten Persönlichkeiten des Genres ist Aamir Khan (Lagaan), der dafür bekannt wurde, das Masala-Kino zu revolutionieren und auch anspruchsvollere Themen des Parallelkinos damit zu verbinden. Diese Filme sind auch im Rest Asiens (vor allem in China) sehr beliebt, da sie kulturell näherstehend sind, als westliche Produktionen.

Aufgrund der Größe Indiens gibt es auch verschiedene regionale, thematisch eigenständige Filmindustrien. Der Hindi-Film (Bollywood) ist zwar die größte und bekannteste, aber auch Tamil-, Telugu-, Malayalam-, Kannada- und Bengali-Kino sowie viele weitere produzieren massenhaft Filme in den lokalen Sprachen.

Japanischer Film

Kino-Theater

Auch in Japan begann die Filmgeschichte schon sehr früh. Nach den ersten Vorführungen ab 1896 war Kino in Japan eng mit dem Theater verbunden und sehr teuer. Die ersten japanischen Filme ab 1899 waren demnach Verfilmungen von traditionellen Kabuki- und Nō-Theatervorführungen. Auch Mischformen zwischen Kino und Theater entstanden. Die Vorführungen fanden meist im Theater statt und wurden von einem Erzähler (Benshi) begleitet. Da der Film lange Zeit als vergängliches Medium galt, sind viele dieser Filme nicht mehr erhalten.

Japanisches Kabuki-Theater

Kabuki-Theater

Tendenzfilm

Nach ersten Bestrebungen in den 1910er Jahren, Film als eigenständige Kunstform zu etablieren, brachte das Große Kantō-Erdbeben 1923 den kulturellen Umbruch. Die Naturkatastrophe forderte knapp 150.000 Todesopfer und zerstörte Städte wie Yokohama und Tokio sowie deren alte Kultur nahezu vollständig. Geprägt vom deutschen Expressionismus entstanden in der Folgezeit Werke aus dem sog. Tendenzfilm, die das Leben von Leuten aus niederen Gesellschaftsschichten möglichst realistisch darstellen wollten. Diese Filme wurden erfolgreich und Japan blieb lange Zeit relativ unbeeinflusst vom Kino Hollywoods. Ab den 30er Jahren wurde der Tendenzfilm durch Zensurauflagen des faschistischen Regimes blockiert. Stattdessen entstanden wie in Deutschland nationalistische Propagandafilme. Der 2. Weltkrieg zerstörte erneut viele der kulturellen Zeitzeugnisse.

Zerstörtes Tokio nach Kanto-Erdbeben

Zerstörungen in Tokio durch das Große Kantō-Erdbeben

Frischer Wind in Fernost

Die wichtigsten Regisseure des Tendenzfilms Kenji Mizoguchi (Ugetsu – Erzählungen unter dem Regenmond, Sansho Dayu) und Yasujiro Ozu (Später Frühling, Die Reise nach Tokyo) kombinierten – auch nach der Besatzungszeit – Realismus und Drama mit philosophischem Einschlag. Neben den beiden trug vor allem der junge Akira Kurosawa (Rashomon, Die sieben Samurai) zur Wiederbelebung des japanischen Kinos bei.

Filmplakat für Anguirus

Filmplakat für Anguirus, Monster aus dem Godzilla Universum

Außerdem macht er das Jidai-Geki Genre beliebt. Bei diesen, vom Theater abstammenden Historienfilmen stehen oft Samurai im Mittelpunkt. Bereits 1946 begann Kurosawa mit der filmischen Aufarbeitung der Militärdiktatur. Eine ungewöhnliche, aber nicht minder wirksame Auseinandersetzung mit der atomaren Bedrohung war 1954 Godzilla von Ishirō Honda. Der Monsterfilm (Kaijū) um die verseuchte Riesenechse war nicht nur tricktechnisch wegweisend, sondern traf, nach den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki, auch den Zeitgeist und inspirierte zahllose Nachahmer, Fortsetzungen und Remakes, die sich immer weiter von der ursprünglichen Nachricht entfernten.

Parallel zur Nouvelle Vague in Frankreich entstand in Japan eine lose zusammengefasste New Wave Bewegung, die sich mit Tabuthemen, wie Diskriminierung von Koreanern, Sexueller Gewalt oder Radikalisierung auseinandersetzte. So wurde ebenfalls auf ungewöhnliche Filmtechniken zurückgegriffen, um sich stilistisch abzuheben.

Ab Ende der 70er Jahre gewann der japanische Animationsfilm an Bedeutung. 1980 veröffentlichte Kurosawa mit Ran die bis dato teuerste japanische Produktion für das Kino. Japanische Regisseure, wie Takeshi Itano werden auch im Westen immer noch von der Kritik als unkonventionell gefeiert und Horrorfilme aus dem Land der aufgehenden Sonne (The Ring, Ju-on) erreichen ein Millionenpublikum. 2000 erschien der Kultfilm Battle Royale, der westliche Blockbuster, wie Die Tribute von Panem, inspirierte. Zuletzt konnte Yōjirō Takita als Oscargewinner 2009 auf sich aufmerksam machen.

Chinesischer Film

Durch die bewegte Geschichte Chinas hindurch erlebte die Filmkunst ihre Höhen und Tiefen. Oft und immer noch geprägt durch Zensur besonders ausländischer Filme, haben die wenigsten chinesischen Filme internationale Relevanz erlangt. Dennoch ist das größte Land der Welt auf direktem Wege, der größte Filmmarkt zu werden. Chinesische Blockbuster können seit kurzem sogar mit Einspielergebnissen von Hollywood mithalten.

Martial Arts

Asiatische Kampfkunst

Lediglich Genrekino aus Hongkong hat außerhalb Asiens Wellen geschlagen. So wurden ab den 30er Jahren sogenannte Wuxia Filme, bei denen heldenhafte Schwertkämpfer für die Gerechtigkeit kämpfen, beliebt. Darauf folgten die Martial Arts (Kampfkunst)-Filme der Superstars Bruce Lee und Jackie Chan. International bekannt wurde John Woo mit brutalen Actionfilmen.

Südkoreanischer Film

Der Südkoreanische Film erlebte erst nach Ende des Koreakrieges 1953 eine erste Blütezeit. Richtig aufwärts geht es aber erst seit den 90er Jahren. Vor Allem das K-Drama, das stark von der aktuellen Popkultur Koreas beeinflusst ist, erreicht auch ein internationales Publikum. Aber auch Regisseure wie Park Chan-wook (Oldboy), Kim Ji-woon (A Tale of Two Sisters) und Bong Joon-ho (Snowpiercer) sind mittlerweile im Westen angesehen. Die Filme sind oft ungewohnt grausam und verlassen sich nicht auf Hollywoodklischees.

Süd- und Mittelamerikanischer Film

Auch wenn die Produktionen aus Lateinamerika nicht mit den Budgets und Marketingaufwendungen Hollywoods mithalten können, hat das Kino vor allem in Argentinien und Mexiko Tradition. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden erste Filme gezeigt und gedreht.

Luis Buñuel

Luis Buñuel

Durch die räumliche Nähe war vor allem Mexiko früh mit Hollywood verbunden. Eine frühe Größe des mexikanischen Filmes war der Surrealist Luis Buñuel. Sein bekanntester Film Ein andalusischer Hund entstand 1929 zusammen mit dem Künstler Salvador Dalí. Die meisten seiner bekannten Filme entstanden jedoch außerhalb Mexikos.

Auch in Lateinamerika gab es Probleme mit inhaltlichen Einschränkungen und Zensur. Jedoch gehören diese größtenteils der Vergangenheit an. So kommen seit den 80ern vermehrt Themen wie Entfremdung, unterdrückte Sexualität und Kriminalität auf die Leinwand. Buenos Aires ist nach wie vor die Kinohauptstadt Südamerikas, trotz der schweren Wirtschaftskrise.

Währenddessen haben einige mexikanische Regisseure den Sprung nach Hollywood geschafft. Der Neue Mexikanische Film erregt seit 1990 viel Aufmerksamkeit, durch die hohe Qualität der Filme, die auch durch die Regierung unterstützt werden. 4 der letzten 5 Oscars für beste Regie gingen an Mexikaner. Alfonso Cuarón (Gravity, Children of Men), Alejandro González Iñárritu (The Revenant, Birdman) und Guillermo del Toro (Pans Labyrinth, Shape of Water) drehen zwar alle in Hollywood, sind aber Kinder des mexikanischen Kinos und deswegen unkonventioneller als der Mainstream.

Afrikanischer Film

Der afrikanische Film konnte sich erst nach der Kolonialzeit entwickeln. So wurden Afrikaner in westlichen Produktionen oft rassistisch und stereotypisch dargestellt. Als Vater des afrikanischen Filmes gilt Ousmane Sembène. Der Senegalese war 1966 der erste Schwarzafrikaner, der einen Langspielfilm drehte (Die Schwarze aus Dakar). Während einige bedeutende Filme aus Mali und Kamerun erschienen, hat sich besonders Nigeria hervorgetan, das in den 90er Jahren einen regelrechten Heimvideo-Boom erlebte. Die Filme, die meist in Lagos entstehen, werden auch unter dem Namen Nollywood vermarktet. Jährlich entstehen so etwa 400-2000 Filme, die meist mit sehr kleinem Budget und einfachem Equipment gedreht werden. Diese Filme erlangen in ganz Westafrika – auch durch Raubkopien – eine große Verbreitung. Zunehmend gelangen auch politische Themen in den nigerianischen Film. Auch vereinzelte Autorenfilmer stellen sich bereits dem etablierten Genrefilm (Drama, Romanze, etc.) entgegen.

Geographisch zu Afrika zugehörig, aber in diesem Sinne eine Ausnahme bildet Ägypten. Dort enstand schon früh eine Filmindustrie. Wie in den USA gab es hier in den 40ern und 50ern ein “Golden Age”, die das Land damals zum drittgrößten Filmproduzenten weltweit machte. Es steht bis heute ungeschlagen an der Spitze der Filmproduktion im Mittleren Osten.

Ausblick

Damit schließt unsere Reihe zur Filmgeschichte. Bald geht es aber weiter mit Filmtechnik. Alles von Kamera bis hin zu Spezialeffekten erfahrt ihr dann hier.

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Bilder: Gemeinfrei

Martin

Ich bin Werkstudent beim STARK Verlag. Neues lernen kann unglaublich spannend sein. Ich blogge auf schultrainer.de, um eure Neugier auf Trab zu halten.

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